Weihnachten mit Hartz IV

Wenn am kommenden Donnerstag in ganz Deutschland wieder Kinderaugen zu funkeln beginnen und die größten materiellen Wünsche erfüllt werden, wird es parallel zu dieser riesigen Freude auch sehr viel Enttäuschung und Unverständnis in nicht wenigen Kinderaugen geben. Nicht, weil die großen Wünsche unerfüllt blieben, sondern weil in hunderttausenden Haushalten das Geld nicht einmal für die kleinen Wünsche der Kinder reicht.

Hartz IV kennt kein Weihnachten

Für die Betroffenen ist dies eine schwere Situation. Die Eltern sind von Sorgen, Ängsten, ja teilweise auch Scham betroffen, spüren die Enttäuschung der Kinder. Ein Gefühl, das insbesondere Menschen auf Jobsuche nicht erleben sollten – es demotiviert, erzeugt Selbstzweifel und wirkt negativ auf das Selbstbewusstsein.

Doch will ich den Blick heute vor allem auf die betroffenen Kinder richten. In ganz Deutschland sind es rund 1,5 Millionen kleine Menschen, die in Elternhäusern mit Hartz IV-Bezug leben – und für sie ist die oben beschriebene Situation nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Eine Regel, die sie nicht verstehen können, weil sie die gesamte Situation, die Frage, was es bedeutet, von ALG II leben zu müssen, nicht in notwendiger Ausführlichkeit überblicken und beantworten können. Sie erleben lediglich, wie in den Wochen vor Weihnachten Wünsche entstehen, die nach Weihnachten bei großen Teilen der Schulklasse oder des Freundeskreises erfüllt worden sind – nur bei ihnen selbst nicht. Ein Gefühl, das Kinder nur schwer verarbeiten können.

Während die ganze Klasse darüber spricht, welche tollen Geschenke der Weihnachtsmann gebracht hat, können sie „nicht mithalten“, haben keine „tollen Geschenke“ vorzuweisen. Weihnachten war für sie kein Fest mit Baum, leckerem Essen und Geschenken – es war eine Zeit der Entbehrung und des Verzichts auf alles, was für jeden von uns eigentlich vollkommen normal und selbstverständlich ist.

Eine Frage des gesellschaftlichen Gelingens

Es ist keine Neuigkeit, dass solche Umstände insbesondere bei Kindern zu Ausgrenzung unter Gleichaltrigen führen. Wer von klein auf eine Realität erfährt, die nicht mit jener der Freunde und Klassenmitglieder übereinstimmt, kann kein vollständig integrierter Teil einer Gesellschaft werden. Materielle Not, vor allem in einem Umfeld, welches durch Überfluss und unaufhaltsamen Konsum geprägt ist, führt zwangsläufig zu einer Exklusion, einer, sich immer weiter fortschreitenden Entfernung vom Rest der Gesellschaft. An Weihnachten wird dies in ganz besonderer Art und Weise deutlich und insbesondere für die Betroffenen spürbar.

Die Politik sollte daher, aber nicht nur aus diesem Grund allein, die Hartz-Gesetzgebung reformieren, das ALG II erhöhen und jedem Menschen in Deutschland, ein würdevolles Leben als ein wichtiger und vollkommen integrierter Bestandteil der Gesellschaft ermöglichen. Es würde Millionen Menschen in Deutschland helfen und gleichzeitig dafür sorgen, dass innerhalb der Gesellschaft ein größeres Gleichgewicht, weniger Abstiegs- und Existenzängste sowie ein friedliches Miteinander erreicht und gesichert werden können.

Die Höhe der Beitragssätze ist daher nicht nur für die Betroffenen entscheidend – an ihm hängt auch der soziale Frieden unserer Gesellschaft.

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4 Gedanken zu „Weihnachten mit Hartz IV

  1. Verzeihen Sie, aber ich bin irgendwie wieder nicht so begeistert von dem Artikel! Natürlich stimme ich Ihnen zu, dass auch Menschen ohne Arbeit ein besseres Einkommen haben sollten, schließlich wünscht sich das wohl ein jeder von uns. Genug ist nie! Da wird wohl selbst der reichste Mensch noch zustimmen, gerade „in einem Umfeld, welches durch Überfluss und unaufhaltsamen Konsum geprägt ist“, wie Sie sagen. Aber muss es notwendig zu Exklusion führen für jemand, der „von klein auf eine Realität erfährt, die nicht mit jener der Freunde und Klassenmitglieder übereinstimmt“? Kann so jemand wirklich „kein vollständig integrierter Teil einer Gesellschaft werden“?

    Gerade weil ich in so einer Realität aufgewachsen bin (kriegsinvalider Vater, arbeitslose Mutter, 4 Kinder, die von der väterlichen Invalidenrente leben mussten), habe ich hier Bedenken, denn ich sehe mich durchaus als „vollständig integriert“ an. Allerdings frage ich mich, was für ein Integrationsbegriff hier zugrunde liegt? Muss die Realität für alle übereinstimmen, um integriert zu sein? Und kann sie das je bei den derzeit herrschenden sozialen Ungleichheiten? Ab dem wievielten Spielzeug wird ein Flüchtlingskind bei uns integriert sein?

    Vielleicht sei die Frage einmal umgedreht gestellt: kann so eine Überfluss- und Konsumgesellschaft wirklich von jedermann vollständig integriert werden? Was ist mit Menschen, denen dieser Materialismus nicht reicht, die noch etwas anderes wollen, das nicht käuflich ist? Und gerade zu Weihnachten, diesem einzigen Tag im Jahr, wo es laut offizieller Propaganda eigentlich und auch um etwas anderes als materielle Geschenke geht, nämlich um „Liebe“, „Familie“; „Solidarität“; ist der Konsum wirklich unaufhaltsam gerade an diesem „Fest der Liebe“, wo man sich angeblich Geschenke macht, weil man sich mag, und nicht, weil man sich Liebe kaufen und einander mit Liebe kaufen will? Oder gibt es da womöglich einen reziproken Zusammenhang?

    Kann ein Kind, das nicht das neueste Spielzeug bekommen hat, das schon in wenigen Wochen keine Beachtung mehr finden wird, wirklich nicht den Freunden, die es deswegen exkludieren wollen, antworten: „Und ihr, wieviel Liebe habt ihr bekommen?“

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  2. Erst einmal vielen Dank für Ihren Kommentar – und dass Sie sich die Zeit genommen haben, meinen Beitrag zu durchdenken und Sie sich Gedanken dazu gemacht haben. Ich möchte nun auf Ihre Fragen eingehen, die ich sehr gut nachvollziehen und mir teilweise auch selbst gestellt habe.

    Um auf die Frage einzugehen, ob jemand, der eine andere Realität erfährt, vollkommen integriert werden kann: Natürlich geht es hierbei u die Frage, welchen Integrationsbegriff man sich zu eigen macht – doch ist es in erster Linie auch eine Frage der Zeit. Auch wenn ich Ihr Alter nicht kenne, leite ich aus Ihrer Familenbeschriebung ab, dass Sie vermutlich in den 50/60er Jahren sozialisiert und aufgewachsen sind?! In dieser Zeit gab es in der Gesellschaft eine ganz andere Sozialstruktur, die Vielfalt der Produkte war geringer, die Werbebranche nicht in diesem Maße aktiv und die Gesellschaft nicht in einer Art wie heute konsumorientiert bzw. darauf fixiert, immer wieder neue Dinge besitzen zu müssen. Diese Beschreibung trifft natürlich auch heute nicht auf jeden zu, doch ein Blick in die Gegenwart zeigt, dass die Masse derer, die dieser konsumorientierten Lebensweise folgen, so groß ist, dass sie dieses System am Leben erhalten – sich das System selbst am Leben erhält. Um die genauen Gründe, wie dies zu Stande kommt, soll es hier aber gar nicht gehen. Ich will darauf hinaus, dass die gesellschaftlichen Zwänge und die Faktoren für eine vollumfängliche Integration andere waren – und sich noch bis noch vor 25 Jahren weniger stark auf Konsumgüter der heutigen Art bezogen.

    Ich will gar nicht daran zweifeln, dass sie ein vollkommen integrierter Teil der Gesellschaft sind. Nur beziehe ich mich in meinem Text vor allem auch auf Kinder, die nicht nur einen sehr stark fremdbestimmten Integrationspfad durchlaufen – sondern auch unter Kindern sind und Kinder nunmal anders reagieren als wir es tun. Natürlich kann ein Kind seinen Freunden die Frage nach der „Menge der Liebe“, wenngleich auch eine Definition dieses Begriffs objektiv kaum möglich ist, doch werden Kinder beim Verstehen dieser Frage etwas anderes heraushören als Sie es tun. „Liebe“ ist für Kinder kein rein gefühlsbezogener Begriff. Ich würde behaupten wollen, dass zahlreiche Kinder beispielsweise eine dauerhafte Ungleichbehandlung unter Geschwistern bei Geschenken oder Taschengeldern klar mit der Zuschreibung „weniger Liebe“ verknüpfen würden – und auch ich sehe in dieser Ungleichbehandlung durchaus eine mögliche Differenz in der Liebe – welche bei diesem Beispiel in monetärer Art und Weise ausgedrückt wird. Wie soll also ein Kind auf diese Frage eine „richtige“ Antwort geben? Was ist die richtige Antwort?

    Zum Thema Materialismus bzw. jenen, die diesen nicht allein befriedigend finden: Ich glaube, sie sehen dort lediglich zwei Extrempole, welche so nicht in der Masse vorhanden sind. Die Mehrheit unserer Gesellschaft braucht neben matieriellen Gütern noch andere Dinge, die sich auch sehr auf die Ebene der Gefühle beziehen. Ein Mensch ist allein mit matieriellem Konsum nahezu nicht lebensfähig. Soziale Kontakte und das Gefühl der Wertschätzung ist elementar. Diese materialisistische Lebensart wird ja nicht nur von wenigen aufrechterhalten. Sie wird von vermutlich 98% der Gesellschaft getragen – durch den täglichen Konsum von materiellen Gütern. Da macht es erstmal keinen großen Unterschied ob wir wenig oder viel Geld in matierielle Sachen stecken. Allein der Umstand, dass wir überhaupt Geld hineingeben und es kaum möglich ist, kein Teil dessen zu sein, hält das System am laufen.

    Ein Erwachsener kann sich in diesem System auch relativ gut zurechtfinden – vor allem, wenn er irgendwann einmal vollkommen integriert und teilnehmend war. Kinder können dies aber nicht, da sie im Zweifel nicht einmal Teil der gleichaltrigen Gesellschaftsgruppe waren und gleichzeitig keine Chance haben, sich vollkommen allein zu integrieren. Deswegen ist es für Kinder besonders wichtig, ein finanziell abgesichertes Umfeld zu erleben – neben vielen anderen Dingen natürlich, die nicht weniger wichtig sind.

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