Fußballspielen für die Freiheit

Ein Fußballspiel als Symbol für die Freiheit, die westlichen, die europäischen Werte? Nicht jeder konnte sich mit dieser Kombination anfreunden, als nach den Terroranschlägen in Paris vor wenigen Wochen das Freundschafts-Länderspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden mit dieser großen und bedeutsamen Symbolik aufgeladen wurde. Dabei eignet sich der Fußball bestens als Vermittler unserer freiheitlichen, demokratischen Werte. Warum, das machen gleich mehrere Beispiele auf verschiedensten Ebenen deutlich.

Fußball hinter den Arenen-Rändern

Blicken wir einmal über die europäischen Arenen-Ränder hinaus, dorthin, wo Fußball nicht in teuren, hochmodernen Stadien, sondern auf ausgetrockneter, staubiger Erde gespielt wird, sehen wir, dass Fußball eigentlich etwas anderes als ein Event, als ein Konsumgut ist. Fußball ist Weltsport. Nicht nur, weil er so wenig braucht, um gespielt werden zu können – sondern auch, weil er zentrale Werte einer freiheitlichen und demokratischen Weltsicht und Haltung entwickelt, fördert und transportiert. Zahlreiche Projekte weltweit haben dies erkannt und umgesetzt. Fußball dient dort als Vermittler von Fairplay, Akzeptanz, Respekt, Teamgeist oder dient ganz einfach der Beschäftigung – beispielsweise um Kinder von der Straße zu holen, Kriminalität vorzubeugen und den betroffenen Menschen eine Auszeit aus der alltäglichen Armut zu ermöglichen. Dass es wirkt, macht ein Zitat eines Projektleiters aus Honduras deutlich: „Und jedes Kind hier, das garantiere ich Ihnen, würde eher Fußball spielen als zum Essen zu gehen.“

Für eine andere Eigenschaft, die der Fußball in sich trägt, müssen wir nicht einmal über die Grenze Deutschlands hinausblicken. Auch hier zu Lande ist der Fußball ein wichtiges Element im Intergrations-Puzzle. Wenn auf Bolzplätzen oder den Fußballfeldern der Amateur-Mannschaften Tag für Tag gekickt wird, verschwinden oftmals nationale Grenzen und Vorurteile in den Köpfen der Akteure. Wird aus dem Türken, dem Deutschen, dem Polen und dem Syrer eine Mannschaft, ein Team, dann wirkt der Fußball in seiner vollen Kraft. Er verbindet und vereint. Selbst in den schicken, teuren Arenen findet man integrative Wirkungen des Fußballs. In den Fankurven überwindet er gesellschaftliche Grenzen und macht aus dem verschiedensten Menschen eine Gruppe, in welcher gesellschaftliche Statusobjekte stark an Bedeutung verlieren. Darüber hinaus ist die Fankultur in den deutschen Stadien eine bunte Mischung aus verschiedenen Ländern Europas. Fußball verbindet, vereint und integriert in jeder Sphäre des Spiels  bzw. Sports.

„Fair Play“ – Gesellschaft und Politik weit voraus

Ja, auch die historische Entwicklung des Spiels & Sports offenbart, weshalb der Fußball ein passender Mittler von freiheitlichen, demokratischen Werten ist. Die Entstehung des „Fairplays“ beispielsweise vollzog sich zu einer Zeit, in der „Fairplay“ politisch und gesellschaftlich noch Fremdwörter waren und der immer wieder geführte Krieg an verschiedensten Orten des europäischen Kontinents von der hohen Gewaltbereitschaft der Gesellschaft zeugt. Ein anderes Beispiel ist, dass sich der Fußball von keiner herrschenden Macht verbieten ließ. Versuchten im mittelalterlichen England zahlreiche Könige und andere Herrscher, den Fußball zu verbieten, spielten die Menschen stets weiter Fußball zu verschiedensten Anlässen. Er war schon damals ein grundlegender Bestandteil der Gesellschaft Englands – und setzte sich gegen alle gegen ihn wirkenden Kräfte durch.

Fußball als Symbol für Freiheit und Akzeptanz

Ich denke all diese Beispiele machen deutlich, weshalb der Fußball ein passender Träger dieser großen Symbolik ist. Er steht für unzählige Werte, die der IS mit seinem Terror bekämpft – und er steht selbst auf der Liste all jener Dinge, die der IS als „unislamisch“ bezeichnet und daher in, von ihm beherrschten Gebieten, verbietet. Anfang diesen Jahres wurden laut Medienberichten mehrere Menschen vom IS hingerichtet – weil sie ein Fußballspiel schauten. Unter solchen Umständen wäre ein Freundschafts-Länderspiel, noch dazu zwischen den „alten Rivalen“ Deutschland und den Niederlanden, ein wunderbares Symbol für eine gemeinsame, europäische Wertebasis der Freiheit und Akzeptanz der Vielfalt gewesen. Die kurzfristige Absage aufgrund akuter Terrorgefahr macht deutlich, dass der Fußball für den IS auch in Europa kein unbedeutendes Element ist. Er ist, neben all den angebrachten Beispielen, auch ein grundlegender Bestandteil der westlichen Erlebnisgesellschaft – und diese bekämpft der IS auf verschiedensten Wegen.

Sollte dieses Spiel nachgeholt werden, fände ich es sehr gut, wenn man ihm erneut die Symbolik der Freiheit einer Wertegemeinschaft zuschreiben würde, die sich nicht von radikalen Terroristen in ihrer Lebensfreude beschränken lässt, sondern genauso Metal-Musik hört, genauso Fußball spielt oder ihn im Stadion bejubelt, genauso in Café’s, Bars und auf Weihnachtsmärkten das Leben genießt und genauso die eigenen Werte verteidigt, wie sie es vor den Attentaten von Paris und der Spielabsage von Hannover getan hat –  so wie es auch beim Spiel der Franzosen in London, wenige Tage nach den Anschlägen, getan wurde. Keine Absage, sondern ein gemeinsames Statement für die Freiheit. Während dort jedoch die französische Nationalhymne gesungen wurde, fände ich es bei einem möglichen Nachholspiel schöner, die europäische Hymne zu spielen und zu singen. Denn jeder Angriff vom IS in Europa (und auch darüber hinaus) ist nicht nur ein Angriff auf das jeweils betroffene Land. Es ist ebenso auch ein Angriff auf die (europäischen) Werte der Freiheit und Demokratie, das Bekenntnis zur Lebensfreude sowie nicht zuletzt auch ein Angriff auf die gemeinsame Begeisterung für den Fußball. Sich diesen Angriffen zu widersetzen, sie zu überstehen und auszuhalten gelingt nicht allein durch das Fußballspielen – aber dennoch sollte insbesondere bei Länderspielen das Credo immer wieder heißen: Fußballspielen für die Freiheit!


Titelbild: flickr.com – Bastian Sander – African football CC BY-NC-ND 2.0


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2 Gedanken zu „Fußballspielen für die Freiheit

  1. Nun ja, mag ja alles sein, aber ich habe mich dem Fußballspiel immer verweigert, schon von klein auf. Nicht so sehr seiner Auswüchse ins Nationale, Rassistische und seiner Tollheit wegen, wenn die Masse wieder einmal wie verrückt „Tooor!“ schrie, nein, mir gelang es einfach nie, darin das Ludische, Spielerische, Sinn- und Zweckfreie zu sehen, wie ich es noch als Kleinkind gekannt hatte, als der Griff zum Spielzeug noch Neugierde, Anschauung der Welt, Lernen für das Leben war. Ich verstand am Fußballspiel nur wie bei so vielen „Spielen“, die ich spielen sollte, die Einübung in die Gesellschaft aus Siegern und Verlierern, Herrschenden und Beherrschten, das Oben und Unten der Liga, der Karriere, der Lüge von der Gleichheit aller. Wenn der Schiedsrichter pfiff, war es auch mit der Freiheit vorbei, und wie wenig es Ausübung des Sozialen war, wurde mir spätestens klar, als auf mich herabgesehen wurde, weil ich ein Junge war, der nicht Fußball spielen wollte….

    Am meisten aber tat mir der arme Ball leid, der herumgetreten wurde, nicht nur, weil er damals noch aus Leder, also einem toten Tier bestand, sondern weil er mir die Getretenen, Geschundenen, die Verlierer einer Gesellschaft symbolisierte, die sich so gern als human, demokratisch, frei, gleich und sozial bezeichnete und es doch so selten nur war.

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  2. „Fairplay“? Wenn sich wieder einmal ein Spieler vor Schmerzen auf dem Spielfeld krümmte, wenn wieder einmal ein Mensch für Millionen von einem Verein einem anderen verschachert wurde wie Vieh, wenn ein Vereinsmanager wegen Betrügereien einsitzen musste und andere wegen Korruption angeklagt wurden, wenn die Kanzlerin auf der Ehrentribüne saß, um Wählerstimmen abzusahnen, dann wusste ich: nicht mein „Spiel“!

    Aber nun gut, vielleicht lassen sich die Terroristen ja beim nächsten Spiel beeindrucken von diesen „Werten“? Ich habe allerdings zusehends den Eindruck, dass hinter dem aktuellen Hass, der Aggressivität der westlichen Welt gegen Muslime unbewusst die Erkenntnis heraufdämmert und ihnen angelastet wird, dass die eigenen hochgelobten Werte in der Realität auch nicht das sind, was sie den geheuchelten Worten nach sein sollten….

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