Die Lehren des Pariser Terrors

Die Attentate von Paris haben jeden von uns geschockt und berührt. Viel wird nun diskutiert (werden) – und natürlich werden dabei auch Terror vom IS und die aktuelle Flüchtlingssituation durcheinander geworfen und vermischt.

Wer das tut, sollte sich jedoch im Klaren darüber sein, dass diese Menschen vor eben jener Terrorgruppe fliehen, die Paris und ganz Europa am Freitag so schockiert hat. Nun zu behaupten, wir müssten die Zahl an Flüchtlingen, die neu nach Deutschland kommen, verringern, der sollte einmal überlegen, wie sehr in der Terror von Paris schockiert hat. Diese Menschen, die nach Deutschland kommen, erleben Dinge wie wir sie nun einmal (damit will ich nichts verharmlosen, sondern die Situation der Flüchtlinge deutlich machen) in Paris erlebt haben im schlimmsten Fall jeden Tag – und nicht in 100, 200 oder 500 Kilometer Entfernung, sondern vor der eigenen Haustür. Sie leb(t)en dort, wo die Terroristen tun und lassen was sie wollen, Tag für Tag.

Jetzt die Grenzen dicht zu machen, den Zuzug zu verringern oder ähnliche Maßnahme durchzuführen ist daher die komplett falsche Antwort. Die Flüchtlinge werden dadurch nur immer näher an den Tod gedrängt – denn wenn Deutschland als einer der zentralen Aufnahmestaaten dicht macht, wirkt sich das, wie bei einer Kettenreaktion auf zahlreiche andere Durchgangsstaaten aus, die die Flüchtlinge nicht im Land haben wollen. Sie landen dann schlimmstenfalls wieder dort, wo sie hergekommen sind: Im Terror des IS!

Unsinnig ist auch die Behauptung, der große Zuzug von Flüchtlingen sei eine Gefahr, da unter ihnen zahlreiche Terroristen seien (könnten). Glauben Herr Söder und alle, die noch davon sprechen, man müsse den Zuzug begrenzen tatsächlich, die Terroristen würden nicht über andere Wege nach Europa kommen können?! Sie haben die Möglichkeit Pässe zu fälschen – und das tun sie auch. So kommen sie jederzeit und völlig unbemerkt in die EU. Sie brauchen keine Fluchtwege – sie steigen in den Flieger und Landen in Frankfurt, Paris, London, Prag. Wo auch immer sie wollen.

Und ja, unter den Attentätern von Paris war eine Person, deren Pass in Europa als „Flüchtling“ registriert wurde. Natürlich versuchen die Terroristen auch über diese Wege nach Europa zu kommen – aber nicht in großer Zahl und nicht weil sie es müssen. Sie tun es, weil sie damit in Europa eine Stimmung erzeugen können, die sich gegen Muslime, gegen Flüchtlinge wendet. Genau das ist ihr Ziel, denn sie wollen, dass mehr und mehr Muslime (und ein großer Teil der Flüchtlinge aus Syrien ist muslimisch) in Europa das Gefühl haben, kein Teil dieser Gesellschaft, ausgeschlossen zu sein. So rekrutiert sich der IS in Europa – und das mit Erfolg!

Würden wir nun also die Grenzen schließen oder den Zuzug begrenzen, würden wir auf der einen Seite das Leben von zehntausenden Menschen unnötig und vollkommen unberechtigt gefährden – auf der anderen Seite würden wir auch noch genau das tun, was die Terroristen wollen: Uns gegen Muslime richten, sie nicht als Teil unserer Gesellschaft akzeptieren und aus dem sozialen Leben ausschließen.

Die beste langfristige Absicherung gegen eine erfolgreiche Rekrutierung des IS in Europa ist daher nicht etwa ein Abschottung, ein „Grenzen dicht“ oder ein skeptisches Beäugen von Muslimen. Das Gegenteil ist der Fall. Sind wir eine offene Gesellschaft, die Freiheit lebt und nicht unter den Aspekt der Sicherheit unterordnet, die jeden Menschen als Menschen gleichen Wertes anerkennt und jeden Menschen, egal welcher Religion und Herkunft gleich behandelt, dann werden sich immer weniger (junge) Menschen von dieser offenen, freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft abwenden.

In einer offenen, freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft hat nämlich jeder die gleichen Chancen, die gleichen Möglichkeiten. So wird der Nährboden des Islamismus und sonstigen Extremismus bestmöglich ausgelaugt und bekämpft. Die Antwort „Grenzen dicht“ ist daher die denkbar schlechteste von allen.

Advertisements

7 Gedanken zu „Die Lehren des Pariser Terrors

    1. Richtig – wir sollten diese Situation als Chance sehen, uns, und damit meine ich uns alle in Europa, einen gemeinsamen Wertekanon zu geben. Das geht nicht von heute auf morgen, aber der Terror wird ebenso wenig von heute auf morgen verschwinden – es „lohnt“ sich also auch zeitlich, daran zu arbeiten.

      Aufbauen könnte dieser Kanon auf der Überzeugung, dass Demokratie und Freiheit für alle offen sind, die sich nicht dem Terrorismus verschreiben, sich nicht dem Extremen hingeben. Im Kern könnte ich nun das wiederholen, was im Text steht, doch etwas neues soll noch angefügt werden: Was mich seit Freitag stört, ist die Konzentration auf die Nation. Wir sagen, der Terror von Paris war ein Angriff auf unsere Lebensweise, die europäische Demokratie. Antworten und mitfühlen tun viele jedoch nur national. Es wird die französische Nationalhymne gesungen (heute im Wembley-Stadion) und halb Facebook trägt „blau weiß rot“. Gleichzeitig bezeichnen sich alle als Europäer. Die Macht der Gesellschaft, die Macht der Demokratie und Freiheit könnte noch größer sein, wenn wir sie europäisch denken. Warum wird nicht die Europahymne gespielt? Warum nicht die Menschenrechte verlesen?
      Keine Frage, ich kann es vollkommen verstehen, dass es eine nationale Solidarität gibt – doch wäre mir eine europäische Identität wesentlich lieber.

      Gefällt 1 Person

      1. Während der Kundgebung anlässlich der Opfer der Reichsprogromnacht am 9. November sprach Herr Professor Julian Nida-Rümelin davon, dass wir dringend eine Leitkultur der Humanität benötigen würden…
        Die FB-Aktion fand ich ohnehin scheinheilig bis zum Gehtnichtmehr, denn dieses „Soziale Netzwerk“ duldet nach wie vor Tag für Tag ungezählte Hetz- und Hasskommentare, und sogar unverhohlene Aufrufe zur Gewalt gegen Andersdenkende, Andersfarbige, Andersgläubige. Zudem – wenn sich nur die Hälfte jener, die aus „Solidarität“ ihre Profilbildchen eingefärbt haben, wirklich solidarisch gegen den Terror engagieren würden, dann hätten wir zumindest hierzulande bald keinen Terror von Rechts mehr.

        Gefällt 1 Person

  1. Der IS hat das so perfide geplant – es ist kein Zufall, dass ein vermeintlicher „Flüchtling“ unter den Attentätern war – das Ziel ist eben Hetze herbeizuführen und dadurch eine Legitimation für ihren Hass. Genauso vorsichtig muss man allerdings auch in Bezug auf Bodentruppen sein – sollten europäische Soldaten auf dem IS-Territorium sein, reproduziert man die alten Feindbilder, was dem IS wieder in die Hände spielt – zumal man sie dann als legitimen Kriegsgegner akzeptiert hätte. Egal, wie man es dreht und wendet – eine islamfeindliche Gesellschaft ist vom IS gewünscht, weil sie ihnen das ideologische Überleben sichert.

    Gefällt 1 Person

    1. Da hast du Recht! Die Frage, wie man den IS bekämpfen kann, muss nun jedoch offen und anders gestellt werden.
      Bodentruppen und Waffen sind sicher nicht die richtige, zumindest nicht die einzige Lösung. Den Terrorismus des IS muss man anders bekämpfen, als bisherige Szenarien es vorgeben würden. Aber wie?! Darauf habe ich keine Antwort – ein Anfang wäre vielleicht, die Geldgeber bzw die Geldströme, an deren letzten Ende man sicher auch selbst irgendwie hängt (Stichwort ÖL), anzugehen bzw. auf diese einzuwirken…

      Gefällt mir

  2. Es hilft wenig die Schwierigkeiten offener Grenzen auszublenden indem man schlicht behauptet das würde dann „so oder so auf anderem Wege passieren“.

    Flüchtlingen ist zu helfen. Schade das man diese Selbstverständlichkeit überhaupt erwähnen muss. Aber in einem Medium das die Diskussionskultur durch Gesinnung ersetzt wohl nötig.

    Das Terroristen so oder so einsickern kann schon stimmen. Die Art der übersinnlichen Fähigkeiten des Schreibers besitze ich da nicht. Da es aber aus einfachen logischen Gründen keine Möglichkeit gibt das anders festzustellen ist da auch schlecht drüber eine Meinung zu bilden.

    Nur geht es darum nicht sondern um die unkontrollierte Einreise eines Unterstützernetzes und der ideologischen Köpfe desselben. Waffen, Munition und Sprengstoff seinen nur am Rande erwähnt. Die Täter generieren sich dann aus den Möglichkeiten, Spinner gibt es überall. Wie das gemeint ist kann wohl nur jemand nachvollziehen der mal außerhalb der Friede-Freude-Eierkuchen Konsumparadiese westlichen Zuschnitts gearbeitet hat. Auch da sind die Menschen wie hier, aber nur zu ca. 90%.

    Gefällt mir

    1. Naja, du siehst es doch an den Tätern von Paris. Es waren teilweise Franzosen, die zwischenzeitlich in Syrien waren und dann wieder zurückgekehrt sind. Nicht über die Fluchtrouten, sondern bequem mit dem Flieger. Das ist die Realität. Warum du das anzweifelst, verstehe ich ehrlich gesagt nicht.
      Diskutieren können wir sehr gerne – dafür ist dieser Blog ja auch da. Aber es ist doch völlig normal, dass ich hier meine Meinung sage. Wer diese Meinung nicht mag, kann gerne anderswo lesen oder im Kommentarbereich diskutieren. Ich lasse hier alle Kommentare zu, solange sie nicht gegen Gesetze oder die grundlegenden Werte der Demokratie, Freiheit und Menschenwürde verstoßen. Wo ist dein Problem?
      Dein letzter Absatz ist für mich etwas verwirrend – aber soviel sei gesagt: Die Täter sind schon in Europa, sie reisen nach Syrien und kommen wieder. Andere Täter kommen aus Syrien, auf verschiedensten Wegen – sicher auch über die Fluchtrouten, getarnt als Flüchtling. Dass sie das nicht müssen, zeigt sich aber ebenso klar.
      Was passiert denn mit den Flüchtlingen, wenn wir die Grenzen dicht machen? Wie geht es dann weiter? Ist dir das egal?

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s