Kostenloses W-Lan überall – Sinn oder Unsinn?!

flickr.com - Nicolas Nova - W-Lan for free - CC BY 2.0
flickr.com – Nicolas Nova – W-Lan for free – CC BY 2.0

Es scheint derzeit modern zu sein, sich für kostenloses W-Lan in öffentlichen oder geschäftlichen Räumen auszusprechen und mit dieser Positionierung Kunden bzw. Wählerstimmen gewinnen zu wollen. Nicht nur die Bremer CDU warb kürzlich mit dieser Forderung im Wahlkampf – einige Großstädte bieten dies bereits an und auch der Chef von KIK sieht diese Maßnahme als möglichen Teil einer Modernisierungskampagne seines Unternehmens. Ja, selbst in manchen Fußballstadien ist bzw. wird ein kostenloser W-Lan-Zugriff möglich. Eine Entwicklung, die ich, als jemand, der mit Technik und Co. ehrlich gesagt wenig am Hut hat, sehr eigenartig und befremdlich finde – besonders, da der Großteil der Smartphone-Nutzer ohnehin eine Internet-Flat besitzt.

Im Teilen des öffentlichen Raums finde ich die Möglichkeit, kostenlos auf ein W-Lan-Netz zugreifen zu können, ja durchaus sinnvoll – beispielsweise im Bereich der Innenstadt. Dort, wo viele Menschen teilweise ziellos oder schlendernd unterwegs sind, mit dem Handy möglicherweise Geschäfte finden oder Wege einsehen wollen oder die Chance nutzen, um Preise von Produkten schneller vergleichen zu können, erzeugt kostenloses W-Lan durchaus einen Mehrwert. Für Touristen ist dies ebenfalls sehr praktisch und sinnvoll.

Muss das sein?!

Warum aber benötige ich im Bus oder der Bahn schnelles Internet? Für Messenger-Dienste, Facebook und andere Apps benötigt man meist kein schnelles Internet – der Zeitgewinn wäre dabei, wenn überhaupt vorhanden, minimal. Schnelles Internet zahlt sich aus, wenn man häufig Internetseiten neu laden muss, Dateien oder Apps runterlädt oder ähnliches machen will – Dinge, die zumindest ich persönlich äußerst selten in Bus und Bahn erledige.

flickr.com - ARTwear.ch - Human Ignorance  - CC BY 2.0
flickr.com – ARTwear.ch – Human Ignorance – CC BY 2.0

 Als Tourist will ich persönlich auch lieber in der Innenstadt in Ruhe auf dem Handy suchen, als während der Fahrt mit dem ÖPNV. Ähnlich ist es in Geschäften. Wenn ich einkaufen gehe, will ich in erster Linie etwas kaufen – nicht aber im Internet surfen. Ganz unabhängig davon, ob ich Kleidung, Nahrung oder sonst irgendetwas kaufe. Wer darüber hinaus meint, was ich bei der Recherche ebenfalls gelesen habe, mit kostenlosem W-Lan in Einkaufsläden könnten bspw. Kinder besser „ruhig gehalten“ werden, der sollte sich vielleicht eher Gedanken über die Bespaßung des Kindes machen, als diese noch mehr auf das Handy zu verlagern.

Besonders eigenartig finde ich jedoch das kostenlose W-Lan im Stadion. Klar, in der heutigen Smartphone-Zeit ist es normal Fotos von Großereignissen, wie bspw. einem Fußballspiel, direkt über das Handy zu verschicken. Ohne W-Lan nicht immer ganz einfach, aber alles in allem irgendwie auch verzichtbar. Wenn ich ins Stadion gehe, dann geht es mir in erster Linie um das Spiel, das ich sehen möchte und die Menschen, die ich treffe. Natürlich habe auch ich schon Fotos im Stadion gemacht und diese an Freunde verschickt – doch hat das Ganze bei mir auch Zeit bis nach dem Spiel, wenn die Verbindung der Internet-Flat des Anbieters zur Übertragung nicht ausreichen sollte.

Der Kunde als „Online-Werbeträger“

Aus unternehmerischer Sicht macht dieses Vorhaben natürlich vollkommen Sinn. Für Unternehmen ermöglicht es unter anderem einen erhöhten Werbeeffekt – immer dann, wenn Kunden die Möglichkeit haben, Bilder und Videos direkt hochzuladen und zu teilen. Ob BVB oder KIK, macht dann gar keinen Unterschied. Jedes Unternehmen freut sich darüber, wenn das eigene Logo, die eigene Ware, der eigene Name möglichst häufig im Internet und in sozialen Netzwerken geteilt wird. Kostenloses W-Lan = kostenlose Werbung.

Für Geschäfte wie KIK ist es darüber hinaus eine Möglichkeit, Kunden länger in den Geschäftsräumen zu halten und so die Verkaufszahlen zu steigern. Denn – je länger ein Kunde im Laden, um so mehr kauft er ein. Die Logik von Supermärkten macht bei Bekleidungs- oder anderen Geschäften vermutlich nicht halt. Die Logik hinter „kostenloses W-Lan in Bus und Bahn“, der Wahlkampfforderung der Bremer CDU, ist hingegen eine andere: Junge Wähler gewinnen! Geklappt hat es jedoch nicht – zum Glück!

Es sind auch diese Dinge, die mich so kritisch auf dieses „tolle“ kostenlose W-Lan-Angebot verschiedener Unternehmen blicken lassen. Wir lassen uns in so vielen Momenten zu Werbeträger machen, mit Tricks zum Kaufen animieren und von vermeintlich kundenfreundlichen Angeboten leiten – warum nun auch hier? Ich sehe zumindest keinen wirklichen Nutzen für den Kunden in einem kostenlosen W-Lan-Angebot in Geschäftsräumen oder Stadien. Im Gegenteil – wir werden mehr und mehr an unsere Handys gebunden, beschäftigen uns Tag für Tag länger mit diesen Geräten, die das Leben „so viel einfacher machen“.

Handy- & Internetnutzung hinterfragen…

flickr.com Stephen McCulloch - Communication - CC BY 2.0
flickr.com Stephen McCulloch – Communication – CC BY 2.0

Klar, in vielen Situationen tun sie es auch – keine Frage. Aber sollten wir nicht auch selbstkritisch auf unsere Handynutzung blicken? Ist das Shoppen nicht „so viel einfacher“, wenn wir gezielt und auf das Einkaufen konzentriert in ein Geschäft gehen, statt dauerhaft das Handy in der Hand zu halten und zu versuchen, zwei, drei Sachen gleichzeitig zu tun? Ist es wirklich so wichtig, dass das Bild aus dem Stadion höchstens wenige Sekunden zeitversetzt das Ziel erreicht?

Der Prozess des sich ausbreitenden W-Lan-Zugangs an jedem erdenklichen Ort ist, wie so viele andere Prozesse, die in einer Gesellschaft als vollkommener Gewinn betrachtet werden, nahezu unkontrolliert. Man erkennt es allein daran, wie schnell das Internet vom heimischen PC auf hochentwickelte Smartphones gelangt ist und mit welcher Geschwindigkeit sich die Nutzung des Internets erhöht (hat). Es wird nicht danach gefragt, ob es Sinn macht, einen Mehrwert für den Nutzer hat. Alles, was mit Internet zu tun hat, ist gut – so war es bei vielen anderen Dingen in der Vergangenheit schon oft. Risiken, die es auch bei der Internet- und Smartphone-Nutzung zweifelsfrei gibt, werden stets unter den Tisch fallen gelassen.

…und Risiken bedenken

Bei der Frage der Handy- und Internetnutzung sind diese Risiken und Folgen sicherlich andere und weniger drastische, als beispielsweise bei der Atomkraft, welche erst als umweltschonend gefeiert, dann als brandgefährlich entlarvt und (zumindest in Deutschland) daraufhin als nicht länger zukunftsträchtig bewertet wurde – doch sollten wir angesichts solch großer Gefahren, die kleinen potentiellen Risiken anderer Dinge nicht unbetrachtet lassen und insbesondere einen vermeintlichen Mehrwert hinterfragen.

So praktisch Smartphone und Internet auch sind, so wichtig ist es jedoch, dass wir Menschen uns, wenn wir einkaufen oder im Stadion sind, nicht mehr und mehr Zeit und Raum für Dinge nehmen lassen, die man vor 5 Jahren noch von zu Hause bzw. später erledigt hat. Alles immer und sofort auf dem Smartphone abrufen und erledigen zu können, mag für den einen praktisch und komfortabel sein – führt aber auch dazu, dass wir uns weniger auf die eigentlichen Anliegen konzentrieren können und zunehmend an unseren portablen Bildschirm gebunden werden. Auf der Strecke bleiben bei dieser Entwicklung früher oder später die Konzentration, ein Gefühl der Ruhe und Entspannung sowie der persönliche Kontakt.


Bildquellen (flickr.com): Bild 1 (Nicolas Nova – W-Lan for freeCC BY 2.0) – Bild 2 (ARTwear.ch – Human IgnoranceCC BY 2.0) – Bild 3 (Stephen McCulloch – Communication?CC BY 2.0)

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4 Gedanken zu „Kostenloses W-Lan überall – Sinn oder Unsinn?!

  1. Es geht nicht darum dass man SCHNELLES Internet hat sondern dass man überhaupt WLAN hat, während man unterwegs ist und nicht entweder auf die beschränkten Flatrates am Handy oder die fixen DSL-Leitungen zuhause angewiesen ist.

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  2. Also, dass es irgendwo ein WLAN gibt, heißt nicht, dass ich gezwungen bin, es zu nutzen. Aber jemand anderer möchte vielleicht, und dessen Freiheit mag ich nicht beschneiden, nur weil ich persönlich etwas überflüssig finde.
    Und wer kein guthaben (mehr) auf dem Handy hat, aber vielleicht ganz dringend auf eine Mail zurückgreifen können muss, der darf sich meinethalben gern über WLAN Hotspots freuen.
    Zudem denke ich da an die Flüchtlinge, die in Deutschlands Straßen unterwegs sind: Jeder einzelnde Cent, den sie sparen können, weil sie ihre mobilen Daten abschalten können, hilft diesen Menschen einerseits, über die Runden zu kommen und andererseits doch mit den Verwandten in der Heimat Kontakt zu halten. Ich selber nutze außerhalb WLAN nur äußerst selten, aber den anderen gönne ich es.

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