Wen wählt die Jugend? – Juniorenwahlen im Fokus

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Symbolbild – Tim Reckmann – Stimmzettel – flickr.com – CC BY-NC-SA 2.0

Juniorwahlen – Im Vorfeld der Bürgerschaftswahl in Hamburg bin ich auf die Seite juniorwahl.de gestoßen. Ich hatte bereits früher mal von dem Projekt Juniorwahl gehört, wusste jedoch nicht, dass diese so regelmäßig bei Landtags-, Bundestags- oder Europawahlen stattfinden. Wer die Juniorwahl nicht kennt: Schulen bzw. SchülerInnen haben die Möglichkeit parallel zur regulären Wahl eine eigene (Junior-)Wahl durchführen, welche selbstständig vorbereitet und durchgeführt sowie später über das Internet ausgewertet wird. Eine gute Sache um SchülerInnen das Wählen sowie den Prozess „drum herum“ näher zu bringen und sie so zu ermutigen, auch später durch die Teilnahme an Wahlen an der Gestaltung der Demokratie mitzuwirken.

Angenommen wird das Projekt offensichtlich sehr gut. Bei der Wahl in Brandenburg waren ca. 20% aller SchülerInnen (20.640) ab Klasse 7 zur Wahl angemeldet. Zur Bundestagswahl 2013 lag dieser Wert immerhin bei rund 10% bzw. 568.433 SchülerInnen. Zwar erzeugen diese Teilnehmerzahlen nicht zwangsläufig repräsentative Ergebnisse, doch kann man davon ausgehen, dass sie durchaus einen gewissen Wahl-Trend der entsprechenden Altersgruppe (ca. 13 – 19 Jahre) wiedergeben. Grund genug, sich die Ergebnisse einmal genauer anzuschauen.

Wie wählt die Jugend?

Wie wählen diese jungen Menschen? Wem würden sie, wenn sie auch an der regulären Wahl teilnehmen könnten (was alle Ü16 / Ü18-SchülerInnen, je nach Wahl auch dürfen), ihre Stimme schenken? Die Ergebnisse sind durchaus interessant; und sollten uns teilweise auch nachdenklich stimmen. Warum?! Das sollen euch die Ergebnisse der Juniorwahlen zu den Wahlen in Hamburg (2015), BrandenburgThüringen (2014) und Niedersachsen (2013) sowie der Bundestagswahl (2013) zeigen. Dies sind, ausgenommen die EU-Wahl, die letzten fünf Wahlen, bei denen die Juniorwahl durchgeführt wurde und somit die aktuellsten Zahlen. Sie machen deutlich, was die jungen Menschen anspricht und bewegt. Ich habe sie mir einmal genauer angeschaut und die Ergebnisse ins Verhältnis mit den regulären Wahlergebnissen gesetzt.

Die Volksparteien

Gewinn Verlust SPD CDUDas Vertrauen in die Volksparteien scheint bei den jungen WählerInnen nicht sonderlich groß zu sein. Zwar erreichten SPD (2x) und CDU (3x) bei den fünf betrachteten Junior-Wahlen die höchsten Prozentwerte, doch erzielten sie im Vergleich zu den regulären Wahlen meist niedrigere Ergebnisse. So wählten bspw. bei der regulären Bundestagswahl 41,5% der WählerInnen die CDU, wohin gegen bei der Juniorwahl nur 26,2% (-15,3%) der TeilnehmerInnen ihre Stimme der CDU gaben. Die SPD hat ihre größte Differenz zwischen regulärer Wahl und Juniorwahl in Brandenburg. Hier wählten 31,9% regulär die SPD, bei der Juniorwahl jedoch nur 18,8% (-13,1%). Im Durchschnitt aller fünf Junior-Wahlen erzielte die SPD 23,9%, die CDU 22,3%. Interessant ist, dass bei den Juniorwahlen, abgesehen von Brandenburg, immer auch jene Partei den höchsten Wert hat, die diesen auch bei der regulären Wahl inne hat.

Die Grünen, die Linken & die FDP

Besonders beliebt bei den jungen WählerInnen sind die Grünen. Drei Mal wurde die Partei drittstärkste, zwei Mal zweitstärkste Kraft; die Ergebnisse sind stets zweistellig. Bei der Junior-Bundestagswahl 2009, welche hier nicht genauer betrachtet wurde, erhielt sie mit 21,0% gar den höchsten Wert aller Parteien. Die geringste Zustimmung bei den hier behandelten Wahlen erhielte sie in Thüringen (12,4%), die größte in Niedersachsen (22,1%). Im Vergleich mit den Ergebnissen der regulären Wahlen zeigt sich, dass die Grünen bei den Juniorwahlen stets höhere Werte erreichte. Die größte Differenz zeigt hiebei Brandenburg (+8,6%). Im Schnitt erreichten die Grünen bei den Juniorwahlen 6,8% mehr Stimmen als bei den regulären Wahlen und kamen so durchschnittlich auf 16,1% pro Juniorwahl.

Gewinn Verlust GLFDie Linken haben es bei den Teilnehmern der Juniorwahl besonders im Osten schwer. Zwar erzielte die Partei bei den Juniorwahlen in Brandenburg und Thüringen die höchsten Werte von allen fünf Juniorwahlen, doch sind in beiden Bundesländern auch die größten negativen Differenzen zwischen Junior- und regulärer Wahl zu erkennen. In Thüringen bspw. wählten 28,2% der regulären WählerInnen die Linke, jedoch nur 12,2% der Juniorwahl-Teilnehmer. Ebenfalls einen geringeren Wert als bei der regulären Wahl (8,6%) erzielte die Linke bei der Junior-Bundestagswahl (6,2%). Höhere Werte als bei der regulären Wahl konnte die Linke hingegen in Hamburg (10,8%) und Niedersachsen (3,6%) erzielen.

Bei der FDP sind die Ergebnisse der Juniorwahlen sehr verwirrend. Über die 5%-Hürde schaffte sie es nur bei der Junior-Bundestagswahl (5,7%). Die Werte der Junior-Landtagswahlen lagen stets unter dieser magischen Grenze. Interessant ist jedoch, dass sie dort, wo sie bei der regulären Wahl den Einzug ins Landesparlament schaffte (HH & NDS) im Rahmen der Juniorwahl weniger Prozente erlangte. Dort, wo sie jedoch nicht in den Landtag einzog (BB & TH), erzielte sie bei der Juniorwahl hingegen höhere Werte als bei der regulären Wahl. Zurück zu führen ist dies möglicherweise auf eine relativ stabile Stammwählerschaft in den Bundesländern Niedersachsen und Hamburg, während die FDP besonders im Osten keine leichte Stellung hat. Die Juniorwähler scheinen sich jedoch von diesen „festgeschriebenen“ Gegebenheiten nicht beeinflussen zu lassen. Im Durchschnitt aller fünf Juniorwahlen erhielt die FDP 4,4%.

AfD & NPD

Die AfD ist bei den JuniorwählerInnen unbeliebter als bei den regulären WählerInnen. Bei jeder der betrachteten Junior-Wahlen erzielte sie geringere Ergebnisse als bei den eigentlichen Wahlen, wenn gleich in Brandenburg (8,0%) und Thüringen (8,4%) nicht wenige Junioren die rechtspopulistische Partei wählten. Bei den Juniorwahlen anlässlich der Hamburg– (2,9%) und Bundestagswahlen (2,4%) erreichte sie jedoch lediglich Werte unter 3%. In Niedersachsen stand die AfD im Jahr 2013 noch nicht zur Wahl. Durchschnittlich erreichte die AfD 4,3% bei den betrachteten Juniorwahlen. 6,7% waren es bei den regulären Wahlen. Mit diesen Ergebnissen ist die Partei bei den Junioren jene, die durchschnittlich am wenigsten Prozentpunkte erzielen konnte.

Gewinn Verlust AfD NPDFür die NPD kann leider kein ähnliches Bild gezeichnet werden. Sie ist neben den Grünen jene Partei, welche bei jeder betrachteten Juniorwahl mehr Prozente als bei den regulären Wahlen erreichte. Sicherlich ist dies auch durch das schlechte Abschneiden der NPD bei einigen betrachteten Wahlen bedingt, doch sollten uns auch die absoluten Prozentwerte der NPD bei den Juniorwahlen zu denken geben. Wie auch die AfD erzielte die NPD in den beiden ostdeutschen Ländern besonders hohe Werte. In Thüringen kam sie auf 7,0%, in Brandenburg auf 6,2%. In Niedersachsen verpasste sie bei der Juniorwahl mit 4,8% nur knapp die 5%-Hürde. Bei der Juniorwahl in Hamburg wählten 2,7% der TeilnehmerInnen NPD. Einen Wert, den die rechtsextreme Partei nicht einmal bei der regulären Wahl in Brandenburg erreichte. Im Bund kam sie auf 3,0% der Junior-Stimmen.

Ob West, ob Ost – NPD wäre mehrfach im Landtag

Wer nun meint, dieses Bild wäre verzerrt oder eine Momentaufnahme, der irrt. Auch die Ergebnisse früherer Juniorwahlen zeigen eine deutliche rechte Tendenz auf: Schleswig-Holstein (2012): 2,9%, Hamburg (2011): 3,9%, Sachsen-Anhalt (2011): 11,4%, Rheinland-Pfalz (2011): 6,3%, Baden-Württemberg (2011): 4,3%, Bremen (2011): 3,5%, Mecklenburg-Vorpommern: 7,9%. Erschreckende Zahlen, die uns nachdenklich stimmen sollten. Nicht nur, weil es eben diese Juniorwähler sind, die in wenigen Jahren den Weg Deutschlands mitbestimmen sollen und aktuell in nicht geringen Teilen ihre Stimme einer rechtsextremen Partei geben. Die Zahlen zeigen darüber hinaus auch, dass die NPD mit ihrem Kurs, Propaganda vor Schulen zu betreiben, offensichtlich einen gewissen Erfolg erzielen kann. Ein Zustand, der offenbart, wie wichtig es ist, dass Lehrkräfte und engagierte SchülerInnen auch weiterhin aktiv gegen rechte Propaganda an Schulen vorgehen müssen.

Zu hoffen bleibt, dass die Organisatoren der Juniorwahlen sowie die Lehrkräfte an den Schulen aus diesen Ergebnissen lernen und sich zukünftig im Vorfeld der Juniorwahlen besonders auf die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Parteien konzentrieren. Gleichzeitig muss als Reaktion auf solche Zahlen darüber nachgedacht werden, mit welchen Mitteln man die jungen Menschen über die wahren Ziele sowie die Ideologie hinter Flyern, Musik und Parolen aufklären kann; nicht nur im Vorfeld einer Wahl. Eine Anfrage an die Organisatoren der Juniorwahlen, ob und in welcher Form eine Vor- und Nachbereitung der Wahlen vorgenommen wird und in welcher Art man auf die hohen Ergebnisse der NPD reagieren will, blieb bisher unbeantwortet. Sollte in den kommenden Tagen noch eine Antwort eintreffen, werde ich den Inhalt dieser Antwort hier sachgemäß wiedergeben.


Vergleich Juniorwahlergebnisse / regul. Wahl nach Ländern: HHBBTHBundestagNDS

Vergleich Juniorwahlergebnisse / regul. Wahl nach Parteien: SPDCDUDie LinkeDie GrünenFDPAfDNPD

Datenquelle: www.juniorwahl.de Bildquelle: Tim Reckmann – Stimmzettel – CC BY-NC-SA 2.0 – keine Änderungen


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2 Gedanken zu „Wen wählt die Jugend? – Juniorenwahlen im Fokus

  1. Nun, mich erstaunt dieser Befund eher wenig, bestätigt er doch ein Gesamtbild, das ich seit Monaten aus dem Netz gewinne und das sich stetig verfestigt: eine zunehmende Radikalisierung auf der rechten Flanke der westlichen Gesellschaften, einhergehend mit den bekannten Vorurteilen gegen Ausländer, Muslims und durchaus auch wieder Juden (die Schändung des französischen Friedhofs begangen von Jugendlichen als jüngstes Beispiel!) Pegida ist längst keine deutsche Erscheinung mehr, sondern international verbreitet im Netz! Auf jugendlichen Seiten findet sich wieder offene Verehrung der Nazis mit Seilschaften hin zu einschlägigen Propagandamedien! Es gibt Fantasien von Bürgerkrieg und faschistischer Diktatur in der Jugend, auch der muslimischen übrigens…

    Alles in allem ein mehr als bedenkliches, ja, erschreckendes Bild, das ich auch nicht mehr nur noch einfach auf soziale Probleme zurückführen würde, sondern auf eine systematische Verführung der Massen durch entsprechende rechte Kreise, – durchaus eine Art von Verschwörung, die mir im Gegensatz zu der imaginären, vorgespiegelten und retroprojizierten der in sie Involvierten sehr real vorkommt. Ich habe zunehmend Angst um unsere Freiheit!

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