Unser Demokratieverständnis – und warum es sich ändern muss II

Teil 1 des Textes findet ihr hier!


Demokratie heisst Respekt

Demokratie 2In Deutschland sind wir jedoch noch nicht an einem Punkt, in dem alle Menschen, egal welche individuellen Merkmale sie zum Teil einer gesellschaftlichen Minderheit machen, respektiert werden. Ist man in unserem Land anders als die Masse, hat man mit Diskriminierung zu kämpfen. Respekt fehlt vielerorts. Egal ob es sich hierbei um Hautfarbe, Religion, sexuelle Orientierung, Herkunft oder andere Eigenschaften handelt. Der Alltagsrassismus ist, wie der Name sagt, im Alltag gegenwärtig. Racial Profiling bei der Polizei, die herkunftsorientierte Auswahl von Auszubildenden oder Mietern, rassistische Einlass-Ordnungen von Discos, monokulturelles Denken in den Köpfen diverser Schützen- und teilweise auch Kleingartenvereinen und viele weitere alltägliche Diskriminierungen belegen dies.

Jedoch muss dieser Alltagsrassismus nicht fester Bestandteil einer Gesellschaft sein. Eine demokratische Gesellschaft ist nicht per se dazu verdammt, rassistische Tendenzen im alltäglichen Leben sein Eigen nennen zu müssen. Wir Menschen, über 80 Millionen in Deutschland, sind selbst dafür verantwortlich, ob Alltagsrassismus vorhanden ist oder ob die Diskriminierung von Minderheiten ein Alleinstellungsmerkmal rechter Bewegungen sein soll. Engagieren wir uns, ob im Großen oder im Kleinen, haben wir die Macht darüber, wie respektvoll und freiheitlich unsere Gesellschaft sein soll. Akzeptieren wir beispielsweise, dass die eine Gruppe kein Schweinefleisch isst, andere Menschen gar kein Fleisch essen wollen oder unser Gegenüber ein Fleischfan ist, beseitigen wir Konflikte und Respektlosigkeit. Gleiches gilt für viele andere Lebensbereiche. Gestehen wir anderen Menschen ihre individuellen Vorlieben zu, werden wir merken, dass auch unsere Individualität in stärkerer Weise respektiert und akzeptiert wird. Der Gewinn ist eine größere individuelle, aber auch kollektive Freiheit sowie eine Demokratie, in der tatsächlich demokratische Verhältnisse gelebt werden.

Demokratie heisst Vielfalt

VielfaltNatürlich spielt hierbei auch die Politik als Teil der Gesellschaft eine entscheidende Rolle, welcher sie aktuell ebenso wenig gerecht wird, wie viele andere Teile der Gesellschaft. Sie ist es, die den vielen suchenden Menschen eigentlich die Antworten geben sollte. Doch erfüllt die Politik ihre Pflicht eher schlecht als recht. Homosexuelle Menschen sind noch lange nicht gleichgestellt, ebenso wenig Menschen mit Migrationshintergrund oder auch Frauen, welche nicht mal eine Minderheit darstellen, aber dennoch immer wieder unter Benachteiligungen zu leiden haben. Weitere Beispiele fallen sicher jedem von euch ein. Auch das Kanzlerin Merkel erst vor wenigen Wochen öffentlich sagte, dass der Islam ein Teil von Deutschland ist sowie die darauf folgenden Reaktionen zeigen, wie sehr das Demokratieverständnis in den vergangenen Jahren gelitten hat.

Denn, was zu Deutschland gehört, ist in der Demokratie keine Frage des individuellen Gefühls, sondern eine Sache der gegenwärtigen Zustände. Wenn also mehrere Millionen Muslime in Deutschland leben und viele von diesen Menschen auch die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, gibt es nichts daran zu diskutieren, ob der Islam zu Deutschland gehört. Was millionenfache Wurzeln hat, ist ganz selbstverständlich Bestandteil unseres Landes. Ein über Jahrzehnte hinweg gewachsener Baum mit tiefen Wurzeln ist auch Teil des Waldes. Ganz gleich, ob er nachträglich gepflanzt oder schon lange dort beheimatet ist. Erkennt man dies nicht an, arbeitet man in doppelter Art gegen die Demokratie. Nicht nur, dass man den Alltagsrassismus in Form von einem „Die-und-Wir“-Denken fördert. Man untergräbt mit der Verneinung einer Zugehörigkeitsfrage darüber hinaus auch die Demokratie, die Herrschaft des Volkes. Denn, wer Teil eines Landes ist, ist unbestreitbar auch Teil des Volkes, Teil der Gesellschaft und wichtiger Akteur im Hinblick auf die Demokratie. Den Islam nicht zu Deutschland zu rechnen, war ein jahrelang andauernder Fehler, der in den Köpfen vieler noch immer Bestand hat und ein fehlerhaftes Demokratieverständnis belegt. Denn Demokratie heisst auch, alle Bestandteile des Volkes, der Gesellschaft wahrzunehmen, anzusprechen und zu integrieren.

„Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf.“

Ein falsches Demokratieverständnis zu ändern liegt in unser aller Händen. Denn, auch wenn in diesem Text nur einzelne Beispiele genannt wurden, ist dieser Text an jeden Menschen gerichtet. Wir alle haben die Aufgabe, die Demokratie zu schützen und sie zu pflegen. Denn wollen wir auch langfristig in demokratischen Verhältnissen leben, müssen wir aktiv sein und im Alltag darauf achten der Diskriminierung keinen Raum zu geben. Offene Fragen dürfen nicht länger auf undemokratische Antworten treffen, sondern müssen von Politik und übriger Gesellschaft mit demokratischen Lösungen beantwortet werden. Sind dennoch Menschen den leichten Phrasen der Radikalen verfallen, müssen wir sie zurück in die demokratischen Bahnen holen und mit ihnen sprechen, kritische Meinungen aushalten und sie widerlegen. Tun wir das nicht, verliert die Gesellschaft diese Personen vollkommen im Sog des Extremen. Ebenfalls eine Lehre unserer Geschichte.

Deutlich wird bei alle dem, wie zerbrechlich unsere Demokratie ist und wie wichtig unser Engagement für sie ist. Die Demokratie ist bei gefestigter Basis das sicherste Mittel für die Menschenrechte. Überlässt man sie jedoch all jenen, die sie ablehnen und abschaffen wollen, vernachlässigt die Pflege der zentralen Werte der Demokratie, dann ist man sie schneller wieder los, als man Demokratie sagen kann.

Wollen wir die Demokratie also auch in den kommenden Jahrzehnten als übergeordnetes Staatssystem erhalten, müssen wir uns engagieren und aktiv an ihr arbeiten. Unsere Gesellschaft muss sich einig darin sein, dass die höchsten Werte unseres Staates die Menschenrechte sind; nicht wirtschaftliche Kennzahlen oder radikale Ideologien. Wir müssen uns für andere einsetzen und auch um die Rechte anderer Menschen kämpfen. Nicht nur, weil auch wir einmal, aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, die Zielscheibe werden können.

Tun wir all das nicht, können wir nur hoffen, dass die Folgen nicht wieder so grausam und schrecklich sind, wie 1933. Denn, wer auch immer der Urheber des folgenden Zitats ist; er hat Recht: „Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf.“


Bildquelle: Caruso Pinguin – 01.12.2014 PEGIDA und Gegendemo Rassismus demaskieren – Lizenz CC BY-NC 2.0

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