Unser Demokratieverständnis – und warum es sich ändern muss I

5238483135_f222f94265_z„Wir sind das Volk“ – Unter diesem Slogan zogen 1989/90 hundertausende Menschen durch die Straßen der damals noch bestehenden DDR. Sie kämpften für Meinungs-, Reise- und Pressefreiheit, für freie Wahlen und demokratische Verhältnisse, entwickelten eine gesellschaftliche Einheit, fragten nicht nach individuellen Unterschieden und brachten mit ihrem Einsatz sowie ihrer Geschlossenheit die DDR zu Fall. Aus einer individuellen Notlage heraus, welche sich in hundertausendfacher Ausführung zu einem kollektiven Missstand transformierte, stellten sich diese Menschen der undemokratischen Staatsführung entgegen und blieben, bis ihre Forderungen umgesetzt wurden. Ein eindrucksvolles Lehrbeispiel der Demokratie.

Wer ist das Volk? Was ist Gesellschaft?

Heute, rund 25 Jahre später, hallt der Slogan „Wir sind das Volk“ erneut durch die, inzwischen wiedervereinten Straßen Deutschlands. Es sind weniger Menschen als damals, in keinem Fall repräsentieren sie tatsächlich „das Volk“. Viel schwerer wiegt jedoch, dass sie sich, anders als die Mütter und Väter des Slogans, nicht für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte einsetzen, sondern sich viel mehr gegen Werte wie Toleranz, Weltoffenheit, Freiheit und Menschlichkeit aussprechen.

Doch ist nicht nur dieser Umstand ein Beleg dafür, dass wir unser Demokratieverständnis alle einmal hinterfragen und durchdenken sollten. Während auf Seiten der PEGIDA-Bewegung klar erkennbar ist, dass diese Menschen scheinbar ein falsches Bild von der Demokratie, der Herrschaft des (Staats-)Volkes haben, zeigt sich auch abseits dieser Demonstrationen, im Alltag unserer Gesellschaft, immer wieder ein zwar nicht so stark verzerrtes, aber dennoch fragwürdiges Demokratieverständnis. Spreche ich hierbei von „Gesellschaft“, meine ich damit nicht nur  all jene, die Medien konsumieren und die Politik wählen, sondern auch alle, die Medien und Politik gestalten und machen. „Gesellschaft“ ist mehr, als die wählende und konsumierende Masse. Sie ist der Begriff, der uns alle umfasst und vereint, wie es „das Volk“ in der Definition der Demokratie ebenfalls tut.

Demokratie als fragiles Gebilde

Eine Demokratie ist ein sensibles und wackeliges Gerüst, welches dem Staat einen Rahmen gibt und uns alle benötigt, um stabil und sicher zu bleiben. Ohne Menschen, die an einer Demokratie arbeiten und ohne den Dialog, auch mit jenen, die kritikwürdige Positionen verbreiten, kann ein solches System nicht bestehen. Die Weimarer Republik zeigte dies in bedrückender Art und Weise. Geprägt durch Kriege, Niederlagen und einer, von den herrschenden Kräften propagierte Pflicht zur Rache und nationalen Liebe waren die Deutschen zu damaliger Zeit nicht in der Lage, die Demokratie aufrecht zu erhalten. Die Folgen dieser demokratiefeindlichen Umstände zu Zeiten der ersten deutschen Republik führten das Land in die dunkelste Geschichte Deutschlands, Europas und der Welt. Eben deshalb ist es besonders bei dem Thema Demokratie so wichtig, aus der Geschichte zu lernen und konstant an ihr zu arbeiten.

Baustelle DemokratieDenn auch wenn unsere Gesellschaft heute nicht an einem vergleichbaren Punkt steht, kann man durchaus davon sprechen, dass sich in Deutschland aktuell zehntausende Menschen hinter Parolen und Forderungen vereinen, die als rassistisch, fremdenfeindlich, intolerant und undemokratisch bezeichnet werden können. Neonazis und andere Rechtsextreme haben mit ihrer Propaganda Erfolg. Ihre Antworten stoßen auf offene Fragen. Dies wiederum zeigt auf, dass der demokratische Teil der Gesellschaft Fehler macht. Ein Urteil, was nahezu alle Menschen von uns betrifft und einschließt, denn macht eine Gesellschaft Fehler, sind wir alle in der Haftung.

Demokratie heisst Dialog

Erfolge von rechten, aber auch anderen radikalen Gruppen basieren grundsätzlich darauf, dass Menschen orientierungslos auf der Suche nach Antworten sind. Dabei erleben sie, dass Teile der Gesellschaft, bspw. die Politik, sie mit ihren Problemen nicht ernst- und wahrnehmen. Darauf hin verschließen sie sich der Realität, klinken sich aus dem demokratischen Prozess aus und folgen statt wissenschaftlichen Inhalten populistischen Parolen. Eben hier liegt der Fehler der Gesellschaft. Kommen kritische Fragen auf, werden diese schnell ausgegrenzt, statt sachlich behandelt und beantwortet zu werden. Dabei ist jede Frage berechtigt. Sie zu stellen, ist kein Verbrechen. Entscheidend ist, wer die Antworten gibt und welcher Antwort man folgt! Dies gilt nicht nur dann, wenn Menschen sich Fragen, warum ihre Löhne nicht steigen oder warum das Geld des Staates in Bankenrettungen, statt in soziale und kulturelle Projekte fließt, sondern auch dann, wenn Menschen Fragen, warum ein Flüchtlingsheim in ihre Nähe kommt, wie die steigende Zahl der Asylbewerber finanziert werden soll oder weshalb so genannte „Wirtschaftsflüchtlinge“ in Deutschland bleiben sollten. Denn in diesen Fragen sitzt noch nicht der Hass, der sich aktuell auf den Straßen entlädt.

Problematisch ist viel mehr, dass Politik und übrige demokratische Gesellschaft häufig keine passenden Antworten finden oder mit ideologischen Argumenten arbeiten, statt sich grundsätzlich an den demokratischen Werten und wissenschaftlichen Erkenntnissen zu bedienen, welche parteiübergreifend auf Zustimmung treffen und unsere gesellschaftliche Basis bilden. Parteipolitik ist jedoch nicht der Quell unserer Demokratie. Viel mehr ist sie bei Fragen der Zuwanderung und Integration ein Hemmnis, da sich alle Parteien auf andere Informationen berufen und so ein Durcheinander an Meinungen entsteht. Diese sind oftmals nur schwer nachzuvollziehen und wirken auf die Menschen nicht, wie aus dem Leben gegriffen. Es sind diese Antworten, die Wut, Ablehnung und Enttäuschung, aber auch Hass entstehen lassen.

Ebenso die Medien, die teilweise Ängste schüren, Vorurteile bedienen und sich selbst der wissenschaftlichen Wahrheit verschließen. Hass und Wut bildet sich aber auch dann, wenn Menschen sich in ihrem Inneren zwar zur Demokratie bekennen, es nach Außen aber nicht leben. Eben dann, wenn eine Gesellschaft im Alltag die Demokratie als selbstverständlich ansieht, meint, man hätten den Dienst vollbracht und könnte sich nun darauf ausruhen. Genau dies darf eine Gesellschaft jedoch nicht tun. Stellt man fest, dass immer mehr Menschen den falschen Antworten folgen, muss der Dialog gesucht werden.

Natürlich macht es keinen MikroSinn, sich mit all jenen zu unterhalten, die Parolen zu erst schreien, doch ist der darauf folgende Chor oftmals nicht in seiner undemokratischen Haltung gefestigt. Reden und Antworten geben ist deshalb auch dann der einzig richtige Weg, wenn sich 30 000 Menschen und mehr in Deutschland gegen den Islam und Zuwanderung aussprechen. Es gibt besonders beim Thema Zuwanderung und Asyl ausreichend Antworten, die demokratische Inhalte haben und uns auf einen sicheren Weg bringen.

Anders werden wir die Parolen und Ideen sowieso nicht aus den Köpfen herausbekommen, die Gesellschaft nicht von solchen diskriminierenden Gedanken befreien können. Aktuell ziele ich hiermit besonders auf PEGIDA ab, mit deren Anhängerschaft viele nicht reden wollen. Doch, wie beschrieben wäre das Ergebnis einer solchen schweigenden Vorgehensweise, eine Gesellschaft, die sich mit den internen Problemen nicht auseinandersetzt und ihnen so einen immer größeren Nährboden gibt. Die Führungspersonen dieser Bewegung können so weiter aufzeigen, dass Politik und übrige Gesellschaft nicht an einer Problemlösung interessiert zu sein scheinen und produzieren sich so ihren Nachwuchs.

Demokratie heisst Engagement

Eben hier liegt jedoch die große Gefahr. Auch dies ist eine Lehre aus der Weimarer Republik, wo die Bevölkerung sich der Tatenlosigkeit der Politik ergab und die Demokratie, auch aufgrund fehlenden Wissens, verkommen ließ. Zu wenige Menschen boten sich an und gaben die richtigen, die demokratischen Antworten. Zu wenig Menschen wussten, wie wichtig Dialog und Engagement sind. Eine Demokratie leidet darunter jedoch sehr, denn Demokratie bedeutet nicht, zur Wahl zu gehen und sich darauf zu verlassen, dass die Politik es schon richtet. Demokratie bedeutet, dass „das Volk“, die Gesellschaft als Basis der Herrschaft, sich engagiert.

sdfdsfdsNatürlich arbeiten zahlreiche Menschen ehrenamtlich und hauptberuflich Tag für Tag an unserer Demokratie. Integrationsprojekte, Begegnungsstätten, soziale Einrichtungen, Vereine, Verbände und Organisationen machen dies deutlich und sind die Stützen unserer Gesellschaft und Demokratie. Wer aber glaubt, dass dieses ausreicht? Wer aber glaubt, dass es genug ist, wenn sich ein Bruchteil der Gesamtbevölkerung im Alltag mit der Erhaltung der Demokratie, der Förderung des gesellschaftlichen Friedens, der Begegnung verschiedener Kulturen und Menschen befasst? Es wäre ein Irrglaube, dieser Aussage zu folgen. Dies soll nicht heißen, dass diese Arbeit umsonst sei. Sie ist enorm wichtig und ohne sie würde unsere Gesellschaft ganz anders, wesentlich schlechter, aussehen. Von besonderer Bedeutung ist jedoch, dass es eben nicht ein kleiner Teil der Menschen tut, sondern die Masse. Die Arbeit all derer, die sich in irgendeiner Art und Weise Tag für Tag für die Demokratie einsetzen, leidet unter der Macht der tatenlosen Mehrheit. Nur wenn sich ein jeder Mensch im Alltag die Wichtigkeit des Individuums für die Demokratie bewusst macht, können wir unser demokratisches System langfristig festigen.

Für all das benötigt es kein zeitaufwendiges Engagement, wenn gleich auch Demonstrationen und Kundgebungen, wie sie aktuell überall stattfinden, sehr wichtig und eine positive Entwicklung sind. Doch viel mehr sind es in diesem Kontext die kleinen Dinge, die von großer Bedeutung sind und darüber hinaus noch längerfristige Wirkungen haben. Die Stimme erheben, wenn man irgendwo Rassismus, Fremdenfeindlichkeit oder andere Formen der Diskriminierung erlebt. Ob im Job, wenn bspw. eine ausgeschriebene Stelle „in keinem Fall an eine Dame mit Kopftuch“ vergeben werden soll, im Bus, wenn sich jemand offen gegen „Asylanten“ oder „Ausländer“ ausspricht oder in der Kneipe, wenn der Stammtischführer nebenan wieder seine Parolen schwingt; einmischen und die „Argumente“ der Hetzer und Hasser widerlegen, demokratische Antworten geben und undemokratischen, diskriminierenden Äußerungen den Nährboden nehmen. Ebenso wichtig ist Offenheit gegenüber allen Menschen, losgelöst von Vorurteilen und Ängsten. Ein normaler und alltäglicher Umgang, auch mit all jenen, die „anders“ zu sein scheinen, einen anderen Gott anbeten, andere sexuelle Vorlieben haben oder aus anderen Gründen „anders“ sind als wir. So binden wir diese Menschen in die Gesellschaft ein und zeigen jenen, die gegen „Andersartigkeit“ vorgehen wollen, dass unsere Gesellschaft dies nicht toleriert.

Dies bedeutet jedoch auch, sich mit all jenen auseinander zu setzen, die diese fragwürdige Positionen vertreten bzw. sich diesen Meinungen anschließen. Denn auch bereits radikalisierte Gruppen, deren Mitglieder man zwar kaum überzeugen kann, benötigen Nachwuchs. Geben wir diesem potenziellen Nachwuchs aber positive und erfolgreiche Beispiele für kulturelle Vielfalt, bevor die Radikalen ihre Ängste in den Köpfen dieser Menschen festsetzen, können wir sie und die gesamte Gesellschaft vor der Gefahr des Radikalen schützen.

Im zweiten Teil des Textes findet ihr die Abschnitte „Demokratie heisst Respekt“, „Demokratie heisst Vielfalt“ sowie eine Zusammenfassung – Klick hier!


Bilderquellen: Foto 1 (M.Joedicke – Ein kurzer Traum von Freiheit) / Foto 2 (Mehr Demokratie – Mehr Demokratie auf dem Kirchentag in Hamburg) / Foto 3 (Chris Zielecki – Spoap&Skin) / Foto 4 (gynti_46 – Wo komme ich her, wo geht es hin?) / Lizenz Bild 1,3,4 CC BY-NC-SA 2.0 / Lizenz Bild 2 CC BY-SA 2.0

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Ein Gedanke zu „Unser Demokratieverständnis – und warum es sich ändern muss I

  1. Der Beitrag ist eine umfassende Darstellung vom Wesen bzw. Ideal einer demokratischen Gesellschaft. Aber wo ordnet sich die Realität ein? Zitat: „Hass und Wut bildet sich aber auch dann, wenn Menschen sich in ihrem Inneren zwar zur Demokratie bekennen, es nach Außen aber nicht leben.“ – hier würde ich auch eine Umkehrung für ziemlich weit verbreitet postulieren: innerlich undemokratisch und nach außen vorgetäuschte Demokratie. Die Menschen sind nun mal das Spiegelbild der Gesellschaft, in welcher sie leben. Und da steht zur Zeit das Ego an erster Stelle. Mitgefühl, Empathie, Solidarität, Respekt etc. kommen erst dann zum Vorschein oder wird zur Schau gestellt, wenn die eigene wirtschaftliche Situation passt. Insofern dienen manche unserer ökonomischen und politischen Eliten nicht gerade als Vorbild.
    Natürlich ist es vorsichtig formuliert absolut schäbig und menschenverachtend, seinen Missmut auf dem Rücken der Schwachen abzuladen. Es sollte die Frage gestellt werden, inwieweit auch die Gesellschaft selber diskriminierende Normen für akzeptabel hält, Stichworte sind u.a. Hartz IV, NSA und Griechenland.

    Noch eine Anmerkung zur Einleitung „Wir sind das Volk“ und DDR. Der Umbruch selber war ein absolut undemokratischer Prozess. Es war am Anfang im September / Oktober 89 eine Abstimmung mit den Füßen von wenigen Zehntausenden und zwar für die Freiheit und Demokratie. Und erst später (als es relativ safe war) gingen Hunderttausende auf die Straße, für die D-Mark.

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