Tausende defekte Atommüllfässer in Deutschland

Deutschlands Problem mit dem Atommüll ist größer als lange angenommen. Nachdem vor wenigen Wochen bereits bekannt wurde, dass im Kernkraftwerk Brunsbüttel über 100 Fässer starke Schäden haben, brachten Recherchen des NDR-Magazins Panorama 3 neue, noch höhere Zahlen hervor. Demnach befinden sich in deutschen Zwischenlagern und Sammelstellen knapp 2000 beschädigte Fässer mit schwach- oder mittelradioakivem Atommüll. Ermittelt wurde diese Zahl mit Hilfe einer Umfrage bei allen 16 Landesaufsichtsbehörden, welche darüber hinaus ergab, dass diese 2000 Fässer auf 17 Standorte verteilt vorgefunden worden. Die größte Anzahl an beschädigten Behälter steht jedoch im oberirdischen Zwischenlager in Karlsruhe; dort fanden die Kontrolleure rund 1700 schadhafte Atommüllfässer. Deutlich machen diese aktuellen Funde auch, dass die Kritik an fehlenden Sicherheitsmaßnahmen und unzureichender Überwachung nach den diversen Einzelfunden der vergangenen Monate und Jahre durchaus berechtigt waren.

Spitze des Eisbergs

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„Müllfässer“ bei einer Protestaktion

Aufgrund dieser mangelhaften Umgangs mit der Thematik seitens der (Bundes-)Politik macht auch das Öko-Institut deutlich, dass es sich bei den knapp 2000 beschädigten Behältern vermutlich erst um einen Teil der ganzen Tragödie handelt. So sagte Michael Sailer, welcher als Atomexperte des Instituts gilt, gegenüber Panorama 3: „Ich erwarte, dass man bei genauerer Inspektion in verschiedenen Lagern weitere Korrosionen findet. Aus meiner Sicht sehen wir bislang nur die Spitze des Eisbergs und wissen nicht, wie groß der Eisberg unter Wasser ist.“ Als besonders problematisch beschreibt Sailer weiter die Dauer der Lagerung. Sind die Behälter oftmals lediglich für eine Lagerung über wenige Jahre ausgelegt und beginnen danach zu rosten oder sich zu zersetzen, kommt es dennoch häufig vor, dass der Müll über ein Jahrzehnt hinaus in ein und dem gleichen Behältnis bleibt. So ergebe sich ein dauerhaftes Problem, bei welchem sich immer neue Fässer als beschädigt zeigen werden. „Wenn sie heute feststellen, es ist wenig oder keine Korrosion an einem Fass außen, dann heißt es nicht, dass das auch in fünf Jahren noch so ist“, fasst Sailer diese Problematik zusammen.

Keine Aufstellung über Schadensfälle

In der Politik hat man diese Problematik lange verschwiegen. Erst als kürzlich in Brunsbüttel über 100 Fässer beschädigt vorgefunden wurden, war auch die Bundespolitik gezwungen sich dem Thema anzunehmen. So kommt es, dass aktuell keine Übersicht vorhanden ist, wie viele der ca. 85 000 Müllfässer deutschlandweit in keinem guten Zustand sind. Der Staatssekretär des Bundesumweltministeriums Jochen Flasbarth appellierte gegenüber Panorama 3 in dieser Frage besonders an die Länder. „Wir können noch nicht sagen, wann wir alle Daten zusammen haben. […] Es geht darum, dass die Bundesländer ihre Verantwortung wahrnehmen müssen für den Atommüll an ihren Standorten. Der Bund trägt die Daten zusammen, wir sind hier auf die Zuarbeit der Länder angewiesen.“ Weiter gab das Ministerium in einem Antwortschreiben an die Grünen bekannt, dass man aktuell nur sagen könne, dass sich „der überwiegende Teil der Gebinde mit radioaktiven Abfällen […] in einem guten Zustand“ befinde. In Anbetracht dessen, dass auch schwach- und mittelradioaktiver Abfall bereits in kleinen Mengen gefährlich für Mensch, Tier und Umwelt sein kann, ist eine solche Aussage bei 2000 nachgewiesen-beschädigten Fässern nur bedingt beruhigend.

Zukunftsaussichten sind düster

Zusätzlich wurden bereits in der Vergangenheit viele Fehler gemacht, die sich in der Zukunft rächen (werden). Fehlende oder nur mangelhafte Dokumentationen über die Inhalte der Fässer erschweren heute die Bestimmung der konkreten Zusammensetzung des Mülls enorm. Darüber hinaus ist die Art der Lagerung ein Problem selbst. Durch eng gelagerte Fässer beschleunigt sich der Verschleißprozess und die                                                                                  Behältnisse sind schneller defekt, als dass ihre eigentlich geplante „Lebenszeit“ überhaupt erreicht wurde. Aufgrund fehlender regelmäßiger Kontrollen bzw.4097634891_8729751dc5unzureichenden Möglichkeiten zur Kontrolle, bedingt durch eine „platzsparende“, enge Lagerung führen die aktuellen Überprüfungen zur Offenbarung jahrelang begangener Fehler. Die Folge dieser Fehler werden wir in den kommenden Jahren ausbaden müssen. Auch wenn sich nach den jetzigen Funden etwas ändern muss und hoffentlich auch wird, kann man die Folgen vergangener Fehler nicht mehr beseitigen und muss mit ihnen leben.

Da sich jedoch die Eröffnung des ersten Endlagers für schwach- und mittelradioaktiven Müll (Schacht Konrad) verzögert und erst für 2022 geplant ist, wird die Masse der Fässer noch mindestens weitere 8 Jahre unter unsachgemäßer Lagerung leiden. Darüber hinaus ist Schacht Konrad zu klein. Lediglich die Hälfte der aktuell 600 000 Kubikmeter Müll finden dort Platz. Die andere Hälfte wird also auch nach 2022 noch eine gewisse Zeit in diversen Zwischenlagern und Sammelstellen verbleiben und immer neue Vorfälle produzieren. Was mit dem zukünftig produzierten Abfall geschieht, ist ebenfalls fraglich. Für die Zukunft kann man bei all diesen Missständen kein positives Bild zeichnen, sondern lediglich hoffen, dass sich die Politik auf jeder Ebene schnellstmöglich über die Größe des Problems klar wird und gleichzeitig die Endlagersuche voran treibt. Zwar werden auch „Endlager“ keine ewigen Gräber für den gefährlichen Abfall sein, doch kann durch die Neueinlagerung dort ein neues Kapitel, ein sauberes und strukturiertes Kapitel beginnen, welches weniger negative und sorgenbringende Vorfälle nach sich zieht.

Bildquellen: Titelbild / Bild 2 (Berliner Nachrichten – Bundesweite Endlagersuche 28.08-19.09.09 von Campact e.V. // Lizenz-Link) Bild 1 (Michaela – Protest gegen Atommüll-Lager im Gewerbegebiet Leese // Lizenz-Link)

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