Goslar´s offene Arme

„Migration tut gut!“ – Worte wie diese sind in den vergangenen Monaten immer seltener von regierungsverantwortlichen Politikern zu hören gewesen. Unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit äußerten sich Stadtvertreter und Politiker jeder Ebene kritisch zu einer steigenden Flüchtlingszahl in ihrem Zuständigkeitsbereich. Ein Gemisch aus Ablehnung, Vorurteilen, (Alltags-)Rassismus sowie nationalistischer und egoistischer Gier bilden eine nicht sicht-, aber spürbare Mauer zwischen „Deutschen“ und „Fremden“ und machen deutlich, dass „mehr Flüchtlinge“ hier nicht erwünscht sind.

Menschlichkeit und Weitsicht in der Harzstadt

In Goslar hat man einen anderen Blick auf das Thema Flüchtlingspolitik. Das Grundmotto des Oberbürgermeisters Oliver Junk lautet dort: „Die Aufnahme all dieser Menschen ist unsere Bürgerpflicht und wir müssen uns alle unserer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sein, diese humanitäre Katastrophe abzuwenden.“ Solche Worte hört man derzeit selten; und wenn sie doch zu vernehmen sind, folgen diesen Worten meist keine Taten. Junk scheint jedoch nicht zu jener Gruppe Menschen zu gehören, die nach solchen Worten zur Tagesordnung übergehen, als hätte man nie etwas gesagt. Er sieht in Flüchtlingen keine Gefahr, kein Problem, sondern viel mehr eine Chance. „Das einfachste Wachstumsprogramm für Goslar heißt Zuwanderung.“ Tatsächlich leidet Goslar sowie die gesamte Region unter stabil verlaufendem Bevölkerungsrückgang und braucht dringend Menschen, die zukünftig die Geschichte der Stadt gestalten: Weitblick statt nationale Scheuklappen-Sicht! Aus diesen beiden Gründen wünscht sich Junk auch mehr Flüchtlinge als eigentlich vorgesehen in Goslar. Gerne würde er auch Flüchtlingskontingente anderer Städte in Niedersachsen übernehmen, beispielsweise jener Orte, die aktuell großen Nachholbedarf bei der Schaffung von Unterkünften haben.

Ehrliche Worte, statt leerer Phrasen

Ja, solche Töne sind in der heutigen Zeit selten und oftmals erlebt man, wie Kritiker ihre Vorurteile in eine nette und seriöse Hülle verpacken um nicht enttarnt zu werden. Junks Worte hingegen scheinen ehrlich zu sein. An dem Punkt, wo eben beschriebene Personen aufhören zu handeln, macht Goslar weiter; Integration „sinnvollerweise am ersten Tag der Einreise und nicht Jahre später“ beginnen und rasch mögliche Perspektiven aufzeigen, so die Haltung des Oberbürgermeisters. Anders sei eine schnelle Integration in Gesellschaft und Arbeitsmarkt nicht möglich. Positive Aussichten in dunklen Zeiten.

Sicherlich, Goslar hat durch die demographischen Veränderungen größere Kapazitäten als andere Städte, Kommunen und Gemeinden. Doch geht es hierbei nicht nur um die tatsächlich vorhandenen Möglichkeiten, sondern um die grundlegende Haltung Junks. Er legt eine Offenheit an den Tag, die anderswo, egal ob Plätze vorhanden sind (oder sein könnten) oder nicht, oftmals gar nicht zu finden ist. Für Junk gehört diese Positionierung auch zum Selbstverständnis seiner Wahlheimat Goslar. Diese sei schon lange eine Stadt mit großer und offener „Willkommenskultur„, welche immer wieder von Zuwanderung lebte und profitierte. Auch deshalb sei er sich der Befürwortung seiner Pläne seitens der Bevölkerung sicher.

Keine Frage des Parteibuchs

Solch offene Worte 3799064460_424e2615a2_naus dem Munde eines in Verantwortung stehenden Politikers sind schon für sich allein überraschend. Ein Blick auf das Parteibuch des Oberbürgermeisters lässt uns jedoch nochmals staunen: Junk ist CDU-Mitglied, war vor seinem Umzug in seiner Heimat Bayern in der CSU zu Hause. Jener Partei, die heute offen und mit vorurteilsvollen Parolen gegen Migranten und Asylbewerber wettert. Die CDU ist hier zwar etwas weniger hart in der Ausdrucksweise, doch im Enddefekt ähnlich ablehnend positioniert. Auch wenn mir das Parteibuch eines Politikers grundsätzlich relativ gleich ist und ich die Entscheidungen für sich bewerte; in diesem Fall freut es mich, dass es ein CDU und Ex-CSU-Mann ist, der diesen Wunsch äußert und sich intensiv für die weitere Aufnahme von Flüchtlingen ausspricht. Junk zeigt mit seiner Positionierung allen konservativen Politikern, dass Forderungen nach mehr Flüchtlingen, besserer & dezentraler Unterbringung, früherer Integration und offenen Armen von der konservativen Politik nicht als „Hirngespinste“ oder „unbezahlbare Phantasien“ linker Parteien abgetan werden können. Viel mehr müssen sie auch Bestandteil konservativ-christlicher Politik werden, denn egal ob Christentum, Sozialdemokratie, Sozialismus, Liberalismus oder welche demokratische Wertbasis auch immer; bei jeder Partei ist die ursprüngliche Basis der politischen Ausrichtung geprägt vom Gedanken der Solidarität, der Entfaltung und Freiheit, des Humanismus und / oder der Nächstenliebe.

Bisherige Hilfe Deutschlands mangelhaft

Auf diese Werte gilt es sich in den krieg- und krisenreichen Monaten und Jahren zu besinnen, sonst droht dieser Welt eine humane Katastrophe. Es ist die Aufgabe der reichen Staaten, zu denen besonders auch Deutschland gehört, diese bestmöglich zu verhindern. Die Bundesregierung tut dies nur mangelhaft, die Statistiken über die Menge der Flüchtlinge im Bezug auf die Einwohnerzahlen der Staaten macht dies deutlich. Darüber hinaus ist man in vielen Teilen Deutschlands nicht daran interessiert, Flüchtlinge und Asylbewerber zu integrieren, solange nicht sicher ist, wie lange sie überhaupt bleiben. Oftmals führt dies dazu, dass die Menschen monatelang in Massenunterkünften untergebracht werden und keine Chance auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben vorhanden ist. Dass sich in solch einem Kreislauf Probleme konstruieren ist nicht verwunderlich. Goslar sollte daher vielen Städten, Gemeinden und Kommunen als Vorbild dienen, aber auch auf höchsten politischen Ebenen ein Anreiz zum Umdenken sein. Zum Wohle der Menschen, zum Wohle des Friedens sowie zum Wohle der Menschenrechte!

Bildquellen (CC-Lizenz) : Titelbild (Mixy Lorenzo – Refugees Welcome) Bild 1 (Heribert Pohl – Goslar, Historischer Marktplatz) Bild 2 (Awaya Legends – Kommunalwahl NRW 2009 Kreis Unna/Lünen)

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3 Gedanken zu „Goslar´s offene Arme

  1. Die leidige Einwanderer-Diskussion hatte ich erst neulich wieder mit einer Kollegin, die aus allen Wolken fiel, als ich ihrem etwas bräunlich eingefärbtem Geseihere entgegnete, dass meiner Meinung nach die Zuwanderer eine Bereicherung in fast jeglicher Hinsicht darstellen würden…

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