Thomas Kuban – Blut muss fließen

Der Titel des Buches vom Journalisten Thomas Kuban ist Teil einer antisemitischen Version des Heckerlieds und steht stellvertretend für die vielen gewalttätigen, hasserfüllten, rassistischen und antisemitischen Texte innerhalb der deutschen Rechtsrock-Szene. Über eben diese Szene berichtet Kuban in seinem eindrucksvollen Buch ausführlich. Seine Erzählungen könnten hierbei nicht näher an der Realität sein. In jahrelanger Undercover-Recherche tauchte er bis in die tiefsten Sphären der Rechtsrock-Szene ein und drehte auf rund 90 neonazistischen Konzerten mit versteckter Kamera. In seinem Buch sowie dem gleichnamigen Dokumentarfilm macht Kuban seine Erkenntnisse der Öffentlichkeit zugänglich.

Ein Buch über neonazistische Musik und Texte…

Es sind teilweise erschütternde Worte, die der Leser in diesem Buch über sich ergehen lassen muss. Nicht, weil Kuban seine Worte nicht zu wählen wusste, sondern aufgrund einiger ausgewählter Zitate. Diese stammen teilweise aus beliebten Musikstücken der Szene, aus Internetforen und sozialen Netzwerken oder dem persönlichen Mailkontakt. Sie verraten viel über den Hass der Neonazis, die in ihnen vorhandene Gewaltbereitschaft, die Kaltblütigkeit, Brutalität und ideologische Gefangenheit. So heftig sich diese Zitate lesen, so wichtig ist es jedoch, dass Kuban sie anbringt. Denn nichts wirkt intensiver auf den Leser als die blanke Wahrheit, das Original. Nur so erfahren die Leser ungeschminkt, dass auf nahezu jedem konspirativem Rechtsrock-Konzert offen gegen Juden, Muslime, „Ausländer“ und andere „Feinde“ der Neonazis gehetzt und immer wieder auch Gewalt gegen diese Personengruppen propagiert wird.

…die Rolle der Polizei

Doch sind es nicht diese Konzertberichte und Zitate allein, die dieses Buch so lesenswert machen. Auch der Blick auf das Vorgehen der Polizei sorgt immer wieder für Betroffenheit. Deutlich wird bei diesen Schilderungen nämlich wie wenig Wissen über die rechte Musik-Szene, wie wenig Bereitschaft zum Einsatz gegen sie und wie wenig Aktivität beim Verfolgen begangener Straftaten teilweise innerhalb der Polizei vorherrscht. Belegt und untermauert mit Zahlen für verschiedene Bundesländer über verhinderte, kontrollierte oder ohne eingreifen der Polizei stattfindende Konzerte zeigt Kuban, wie effektiv mancherorts gegen Rechtsrock-Konzerte vorgegangen wird und wohin es führt, wenn die Polizei sich dem Problem nur halbherzig annimmt.

sowie der Medien…

Ebenso die Medien, bei welchen Kuban, wie er im Buch beschreibt, immer wieder abblitzt. Nur wenige Sendeanstalten haben Interesse an seinen Videoaufnahmen von Rechtsrock-Konzerten. Zu wenig diskutiert ist das Thema in der Gesellschaft, als dass man sich damit im Fernsehen befassen will. Zu „durchgekaut“ erscheint es den Redakteuren damals scheinbar. Dies hatte sich geändert nachdem Kuban sein Buch sowie den gleichnamigen Dokumentationsfilm veröffentlichte. Deutschlandweit wurde darüber berichtet, Kuban interviewt und in Studios eingeladen. Heute gilt er zurecht als ein besonderer Experte zum Thema Rechtsextremismus. Man wünscht sich heute, dass die Medien dies schon viele Jahre vorher so gesehen hätten. So hätte Kuban für seine teuren, aufwendigen und hoch gefährlichen Recherchen zumindest eine finanzielle Gegenleistung erhalten und könnte möglicherweise noch immer neue Informationen aus Undercover-Recherchen ans Tageslicht bringen. Als Grund für die Beendigung seiner Recherche bringt Kuban in seinem Buch nämlich ausschließlich finanzielle Gründe an und beklagt gleichzeitig, zurecht, das mediale Desinteresse.

…und weitere Informationen über die Rechtsrock-Szene!

Es sind aber nicht alle Teile des Buches vorrangig betrübend, obwohl auch die Darstellungen über die Konzertorganisation, die Beschreibungen der Rechtsrock-Szene im Allgemeinen oder diverse Einzelinformationen den Leser nicht unbedingt glücklich und optimistisch stimmen. Im Fokus stehen hierbei jedoch die Informationen über das Vorgehen der Neonazis, die Offenlegung der rechten Musik-Szene und das Verbreiten diverser Informationen über die rechte Szene. Ob das Vorgehen bei der Konzertorganisation, Verbindungen zwischen rechter Szene und Aussenstehenden aus Politik und Staat, Aufklärung über ideologische Inhalte oder viele andere Themenbereiche; auch dies legt Kuban in seinem Buch für die Leser offen und schafft so eine umfassende Perspektive, aus der die rechte Musik-Szene überblickt werden kann.

Zusammenfassung

Alles in allem ist „Blut muss fließen“ ein umfassendes Werk über nahezu alle Bereiche der Rechtsrock-Szene, von zentralen Persönlichkeiten über bedeutsame Bands, die Rolle der Polizei und der Medien, das Prozedere hinter einem Konzert, Kontaktpunkten zwischen rechter Szene und der „Öffentlichkeit“ bis hin zu Textausschnitten aus Liedern, sozialen Netzwerken und weiteren Quellen. Selten hatte ich ein ähnlich umfassendes und informatives Buch in der Hand. Aufgrund seiner thematischen Vielfältigkeit unter dem Oberbegriff „Rechtsrock“ ist es als realitätsnahes Samelsurium zu bezeichnen, welches unverblümt aufzeigt, was sich Woche für Woche in angemieteten Räumen oder auf Privatgrundstücken abspielt, ohne dass die Mehrheit der Menschen Notiz davon nimmt: Hass, Hetze, Gewalt und Propaganda. Für diese schonungslose Offenlegung der Realität kann man Thomas Kuban nur dankbar sein und ihm wünschen, dass er weiterhin körperlich unversehrt leben kann. Das Buch ist höchst lesenswert und ist jedem empfohlen, der sich mit der rechten Szene kritisch auseinandersetzen möchte, Einblicke in diese Szene erhalten will oder aber grundsätzliches Interesse an den Themen „Rechtsrock“ und „Rechtsextremismus“ hat.

Für alle die noch mehr über dieses Buch bzw. den Dokumentationsfilm sowie die rechte Musik-Szene erfahren möchten, können sich das beigefügte Video anschauen oder aber das verlinkte Interview durchlesen.

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2 Gedanken zu „Thomas Kuban – Blut muss fließen

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