Zivilisierung und Religion

Kaum ein Tag vergeht, an dem die Nachrichten nicht von Meldungen gefüllt sind, welche von religiös motivierten Gewalttaten berichten. In diversen Talkshows wurde und wird über Religionen diskutiert, darüber, ob Islam, Judentum und Christentum friedlich koexistieren können. Besonders der Islam steht in der westlichen Welt dabei im Fokus und ist oftmals Zielscheibe diverser Angriffe. Für einige Menschen in der westlichen Welt ist er das Problem selbst, eine Religion, die nicht mit Demokratie, Frieden und Freiheit vereinbar sei. Dies ist eine Position, die vermittelt, dass die Religion den Menschen formt, nicht aber, dass der Mensch die Religion zu jener Institution macht, die sie ist. Eine fragwürdige These, wenn gleich es durchaus Ansatzpunkte gibt, die eine solche Sichtweise stützen könnten. Schließlich begründen die Täter ihre Taten mit religiösen Geboten, Werten und Normen. Ihre Motivation zu gewalttätigen Taten ziehen sie aus Gebetsbüchern, religiöser Lehre und dem Glauben an sich. Dennoch, eine solche Sichtweise wird der Problematik nicht gerecht, denn sie verurteilt Massen an Gläubigen aufgrund ihrer Religion, stellt die Religion als das Übel an sich dar und ermöglicht daher nur einen Lösungsweg: Die Bekämpfung der Religion selbst. Nicht nur dass ein solches Vorgehen weder sinnvoll, noch demokratisch ist; es ist gefährlich, weil es die Problematik des religiösen Terrors bzw. der teilweise vorhandenen religiösen Werte von der falschen Seite aus betrachtet und selbst nur Gewalt bzw. Intoleranz als Mittel des Kampfes kennt. Auch vernachlässigt diese Sichtweise diverse andere Einflüsse, die Menschen erst zur eine gewaltbereiten Haltung führen. Darüber hinaus zeigt die heutige Vielfältigkeit der Religionen, dass man nicht über die Religion als Ganzes urteilen kann, da innerhalb einer Religion unzählig viele verschiedene Strömungen vorhanden sind.

Fehlerhafte Betrachtung des Islams

Doch nicht nur die angesprochene Vielfalt innerhalb der Religionen, welche deutlich macht, wie sehr die gelebte Religiosität von der individuellen Interpretation der heiligen Schriften abhängig ist, weist darauf hin, dass nicht die Religion den Menschen „macht“. Auch ein Blick auf die Geschichte der Religionen zeigt, dass eine andere These, jene, die beschreibt, dass der Mensch das Bild der Religion bestimmt, näher an der Realität verortet ist. Denn all die heutigen Taten im Namen des Islam, die von Terroristen und Fundamentalisten begangen werden und heute dazu führen, dass die westliche Welt den Islam an sich als gefährlich, undemokratisch oder kriegstreiberisch ansieht, wurden vor vielen hundert Jahren genauso im Namen des Christentums verübt. Die Kreuzzüge, die von Gewalt geprägte Missionierung oder auch die Inquisition unterscheiden sich von den heutigen terroristischen Akten religiöser Täter nur in ihrer Art und Weise, nicht aber in ihrem Wesen. Die Täter der damaligen Zeit waren, wie sie es auch heute sind, religiöse Fanatiker, Fundamentalisten, Extremisten, welche die heilige Schrift ihrer Religion in ganz eigener und extremer Art interpretiert haben. Auch die Missbrauchsvorfälle in der katholischen Kirche zeigen, dass es abseits des Islam ebenfalls abscheuliche Taten gibt, die zwar nicht im Namen einer Religion verübt wurden, doch innerhalb kirchlicher Einrichtungen vollzogen wurden. Gleiches kann man bei Gläubigen aller anderen Religionen auch finden; es ist kein Phänomen des Islams. Doch während man den Islam heute in vielen Teilen der westlichen Gesellschaften als durch und durch gewalttätig und undemokratisch beschreibt, würden vermutlich nur die wenigsten Personen gleiches über das Christentum sagen. Dabei wäre dies die logische Konsequenz, wenn man aus der Sichtweise der islamfeindlichen Menschen heraus eben genannte Dinge in die Überlegungen mit einbezieht und sich gleichzeitig bewusst macht, welche Meinungen zum Beispiel über Homosexuelle, Frauen oder Andersgläubige noch immer in Teilen des Christentums, besonders in Amerika, dem Vatikan oder auch einzelnen Gemeinden umherschwirren.

Darüber hinaus darf nicht vergessen werden, dass es unzählige Massen gibt, die ihre jeweilige Religion vollkommen friedlich ausleben, aus dieser Halt, Kraft, Mut, Energie und Antrieb ziehen und die andersgläubigen Nachbarn ohne Probleme als Moslem, Jude oder Christ akzeptieren. Es ist in jeder Religion nur ein geringer Anteil an Menschen, welche die Schriften in extremer Art und Weise interpretieren. Keine Religion bringt mehrheitlich radikale, intolerante oder gewaltbereite Gläubige hervor, wenn gleich es auch in jeder Religion fundamentalistische Strömungen gibt. Doch auch eine solche Interpretation ergibt sich nicht aus der Religion an sich, sondern aus vielen anderen Umständen, die Menschen in eine Situation bringen, dass sie nur noch in der Religion, in einer extremen und fundamentalistischen Lebensweise einen Ausweg sehen. Sei es Armut, fehlende Bildung, fehlende Gesundheitsversorgung, Unterdrückung oder andere leidvolle Erfahrungen. Oftmals kommen sowieso mehrere dieser Aspekte zusammen und führen in der Summe zu einer Radikalisierung. Auch die Erfahrung, von anderen Religionen bzw. Staaten, in denen andere Religionen vorherrschend sind, unterdrückt zu werden, trägt seinen Teil zu einer Radikalisierung und fundamentalistischen Sichtweise bei.

Die Bedeutung der Lebensumstände sowie der Gewaltpräsenz

Besonders bedeutsam ist jedoch auch die zivilisatorische Entwicklung der Menschen bzw. der jeweiligen Gesellschaft. Betrachtet man die Art der Zivilisierung im Mittelalter, als in unseren Gegenden Gewalt, Folter und andere Grausamkeiten im Alltag präsent waren, ist es nicht verwunderlich, dass auch religiöse Schriften in einer solchen Art interpretiert wurden. Wie auch hätten diese Menschen es anders machen sollen?! Demokratie, Toleranz, Friedfertigkeit, Gewaltverzicht, Selbstkontrolle, Eigenverantwortung und weitere Dinge waren nicht grundlegende Werte und Normen bzw. Eigenschaften der Menschen. Die Taten der christlichen Kirche waren ein Resultat der gesellschaftlichen Umstände, der vorherrschenden Alltagsrealität. Die Verbrechen der Kirche sind daher erklärbar, jedoch nicht mit der Religion an sich, sondern mit den Umständen, in denen die Täter der damaligen Zeit aufwuchsen, sozialisiert wurden, ihren Erfahrungen. Es waren Resultate, die sich aus fehlendem Wissen über die Welt, einer gewaltgeprägten Gesellschaft sowie den damit verbundenen Lebensumstände ergeben haben.

Wirft man nun den Blick auf den heutigen Islam erkennt man, wie zentral die Frage der Zivilisierung ist, wie nah sich Kreuzzüge und Terroranschläge eigentlich sind. Es gibt Millionen Muslime in Deutschland, in Europa, welche in großer Zahl friedlich ihren Glauben ausleben, nicht gegen andere Religionen hetzen und genauso wenig undemokratische Handlungsweisen an den Tag legen. Der Extremismus, der Terrorismus, welcher aktuell, häufig im Namen des Islam, ausgelebt wird, findet jedoch hauptsächlich woanders statt bzw. hat seine Wurzeln nicht in der westlichen Welt. Zumeist stammt der Ursprung aus Regionen dieser Welt, die bisher keine gefestigte Demokratie, welche sich in regelmäßigen demokratischen Wahlen gebildet, geformt und stabilisiert hat, kennengelernt haben. Ebenfalls sind die allgemeinen Lebensbedingungen dort oftmals eher schlecht. Armut, fehlende Bildung, aber auch zu geringe medizinische Versorgung, dauerhafte Bürgerkriege oder internationale Konflikte und viele weiteren Probleme sind dort allgegenwärtig. Gewalt gehört teilweise zum Alltag, ist zumindest aber in einer anderen Art und Weise akzeptiert und kontrolliert als in der westlichen Welt. Zwar ist in der gesamten Welt inzwischen mehr Wissen vorhanden als es im Mittelalter war, doch ist dies kein passables Argument. Denn, wie bereits angesprochen fehlt vielen Menschen dort der Zugang zu eben diesem Wissen. Kindern lernen vornehmlich das, was in den Familien und ihrem Umfeld bekannt ist. Da die dortigen Lebensweisen noch stark durch Religion geprägt ist, sind dies oftmals Inhalte der Religion, nicht aber jene Bereiche des in der Welt vorhandenen Wissens, welche erst die Demokratie, Frieden, Freiheit, Gleichberechtigung und Toleranz entstehen lassen können. Natürlich trifft dies nicht auf die alle Menschen in diesen Regionen zu, dies wäre kein realistisches Urteil, keine passende Beschreibung. Doch bildet sich unter solchen gesellschaftlichen, sozialen und religiösen Umständen, einer weniger zivilisierten Realität, eher die Bereitschaft für Gewalt, Terror und Extremismus im religiösen Kontext. Die Beschreibung „zivilisiert“ bzw. „weniger zivilisiert“ ist hierbei nicht wertend, sondern beschreibt lediglich verschiedene Stufen von Gewaltbereitschaft, Selbstkontrolle und Affektivität innerhalb einer Gruppe von Menschen. Es zeigt sich, wenn auch die heutige muslimische Welt stärker zivilisiert ist als es die westliche Welt im Mittelalter war, dass sich hier Parallelen erkennen lassen, welche die These vom gleichen Wesen der christlich- und muslimisch-religiösen Taten verschiedener Zeitalter stützen.

Deutlich wird bei alle dem, dass es vor allem die gesellschaftlichen Umstände sind, welche die Interpretation der Religionen erklären. Der Mensch ist das Resultat seiner Erfahrungen, seines Wissens, seiner Sozialisation. Ist die Gegenwart der Menschen stark durch religiöse Eindrücke, Erfahrungen, Inhalte und Staatsführung geprägt, ist die Gefahr wesentlich größer, dass diese Personen sich später dem Kampf der Religionen verschreiben. Dies ist jedoch unabhängig davon, ob auf einer heiligen Schrift „Koran“, „Bibel“ oder „Thora“ steht. Deshalb ist die Aussage, der Islam wäre eine in sich undemokratische, gewalttätige und gefährliche Religion genauso unberechtigt wie die gleiche Aussage über das Christentum, das Judentum oder andere Religionen. Es ist der Mensch, der die Religion gefährlich macht, nicht die Religion, die den Menschen gefährlich macht. Auch wenn sich der Mensch von der Religion inspirieren lässt; es sind die Erfahrungen und Umstände die den Menschen zu einer fundamentalistischen Interpretation führen. In diesem Sinne sollte jeder einmal über sein Bild von Religionen nachdenken, sich bewusst machen, dass Religionen vielen Millionen Menschen Gutes bringen und keine Religion gefährlich ist, sondern es die Menschen sind, die eine Religion gefährlich machen. Weder der Islam, noch das Judentum und auch nicht das Christentum sind eine Gefahr für den Weltfrieden, trotz aller Kriege, dem Terror und der Gewalt, die im Namen all dieser Religionen verübt werden und wurden. Es ist der Mensch, der die Gefahr darstellt. Ob als Terrorist oder aber als jemand, der durch seine Handlungen dazu beiträgt, dass die Welt in einem Ungleichgewicht verweilt. Wir sind es alle, die für die Realität vor der Haustür verantwortlich sind, nicht die Religionen. Die Gewalt begründet sich nicht in der Religion, sondern sind all die Taten Ausdrücke menschlicher Realitäten, die sich jeden Tag wiederholen und die Menschen erst zu Terroristen und Gewalttätern werden lassen.

Zivile Hilfe statt Waffen, Krieg und Hetze

Will man also religiöse Gewalt bekämpfen, sollte man nicht einer Religion den Kampf ansagen, nicht mit Gegengewalt reagieren, sondern damit beginnen, allen Menschen weltweit ein menschenwürdiges Leben in Frieden, Freiheit und Demokratie zu ermöglichen. Den Weg dorthin müssen die Menschen vor Ort zwar selbst finden und gehen, doch kann die westliche Welt den Grundstein legen, damit auch in diesen Regionen flächendeckende Bildung und andere elementare Dinge ermöglicht werden. Dafür müsste die westliche Welt jedoch aufhören mit Waffen und Krieg gegen religiösen Extremismus zu kämpfen und beginnen den Menschen vor Ort alternative Wege aufzuzeigen, abseits der extremen Religiosität. Friedensmissionen statt Waffenlieferungen, zivile Hilfen statt militärischem Einschreiten und eine offenere Haltung gegenüber dem Islam generell ist notwendig und wichtig, sofern man sich eine friedliche Welt wünscht. Der Feind ist nicht der Islam, der Feind ist der Terror, die Intoleranz, die Gewalt. Diese Probleme entspringen jedoch nicht dem Islam, sondern sind das Resultat aus den Lebensbedingungen der Menschen. Keine Religion ist böse, keine Religion leitet ihre Gläubigen zur Gewalt! Dies gilt es als Erstes zu verinnerlichen, denn anders ist der Weg zu einer friedlicheren Welt nicht möglich. Ein Anfang wäre vielleicht, wenn wir begreifen, was in diesem Text deutlich wird und schon von Karl Marx festgestellt wurde:

Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen!“ (Karl Marx)

Nur dann, wenn wir einsehen, dass der Mensch die Verantwortung für die Gewalt, den Terror und den Tod trägt, nicht aber eine Religion verantwortlich dafür gemacht werden kann, nur dann ist es möglich alle Religionen friedlich nebeneinander existieren zu lassen, religiöse Gewalt einzudämmen und Terroristen sowie Fundamentalisten den Zugang zu gewaltbereitem Nachwuchs zu erschweren!

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