Ideologische Wahrheiten und ihre Gefahren

Die Ukraine-Krise beherrscht seit einigen Monaten die Medien und führte zu (alten) neuen Konflikten zwischen „westlicher“ und „östlicher“ Welt. Ein Kalter Krieg 2.0, der in Deutschland in besonderer Weise von Medien, Gruppen, Organisationen sowie vermeintlichen Experten geführt wird und in den Köpfen der Masse Bilder und Eindrücke verankert, die oftmals nicht viel mit der Realität am Hut haben. Gleich vorweg, ich selbst bin auch kein Experte auf diesem Gebiet, habe die Ukraine-Krise zwar verfolgt, bin jedoch nicht so tief eingestiegen, dass ich hier alles und jeden Schritt in seiner Ursache und Folge beschreiben könnte. Doch will und werde ich das hier auch gar nicht tun. Mir geht es um etwas anderes, was ich in den letzten Wochen vermehrt wahrgenommen und als sehr problematisch erachtet habe: Die Verbreitung zweier ideologischer Wahrheiten.

Pro Russland vs. Pro Europa – Kein Platz für eigene Kritik!

Bei einem der beiden Lager steht die EU sowie die USA als Feind dar, wohingegen Putin der Heilsbringer Russlands ist, der dem Land Wohlstand, Frieden und Sicherheit gegeben hat. Im anderen Lager wird die komplett andere Sichtweise vertreten. Das Vorgehen der europäischen und us-amerikanischen Politik wird als Friedenspolitik betitelt, während in Putin und dem russischen Staat die Kriegstreiber der aktuellen Krise gesehen werden. Doch verschweigen beide Seiten wichtige Teile der Wahrheit. Objektivität ist in den Monaten der Berichterstattung über die Ukraine auf der Strecke geblieben. Alles was geschrieben und verbreitet wird, ist eine subjektive Wahrheit, eine gefühlte Tatsache, die sich auf Grundlage der eigenen Ideologie bildet, aber nicht viel mit der Realität zu tun hat.

So findet man in pro-europäischen Medien nahe nichts darüber, wie die EU sowie die USA sich vor bzw. zu Beginn des Konflikts positionierten. Nicht mit einem Wort spricht man beispielsweise die Osterweiterung der NATO an, die selbstverständlich aus russischer Sicht eine Bedrohung darstellte. Genauso wird fleißig verschwiegen, dass die EU eine ukrainische Übergangsregierung stützte, welche mit Faschisten aus der Swoboda-Partei durchsetzt war. Jene Partei, die sich auch gerne mal mit der NPD trifft und die nationalsozialistischen Gedanken hochleben lässt. Weitere kritisch zu betrachtende Argumente wären leicht zu finden. Besonders interessant daran ist auch, dass vor der Krise in der Ukraine nur wenige kritische Worte an Russland gerichtet wurden, immer mit dem Blick auf die Abhängigkeit von russischen Rohstoffen und der Angst russischer Sanktionen. Nun aber, wo es um die Ukraine geht, einem wirtschaftlich und machtstrategisch wichtigem Land, sind all diese angeblichen Sorgen vergessen. Russland ist der Feind Europas und darauf stimmen uns die großen Medien aktuell ein, wie selten nach dem Mauerfall.

Gleichzeitig verhält sich das andere, das pro-russische Lager, nicht anders. Es setzt sich besonders aus jenen zusammen, die sowieso Freunde russischer Politik sind oder aber in ihrer Ablehnung gegenüber der EU nun eine neue Chance sehen, eben jener Institution kritische bis hasserfüllte Worte um die Ohren zu hauen. Putin ist der lachende Dritte in diesem Trauerspiel, da man ihn immer wieder als das große Glück Russlands darstellt. Kritik an der homophoben Politik?! Nicht im Ansatz. Bedenken aufgrund der Personenschieberei, die es Putin erst ermöglichte nun nochmals Präsident Russlands zu sein?! Scheinbar vergessen. Die subjektive Wahrheit dieser Menschen lässt kein Platz für kritische Worte am eigenen Helden. Dass sich in Russland besonders jene Menschen nach menschennaher Politik sehnen, die nicht in den großen Städten leben, kommt im Westen nicht an. Auch all die umweltpolitischen Katastrophen Russlands vergisst man. Atommüll, der irgendwo in Sibirien ohne sonderlich große Schutzmaßnahmen gelagert wird?! Völlig egal. Fracking, was Putin in Russland selbst betreibt, wird im eigenen Land kritisiert, bei Berichten über Putin jedoch gar nicht erst angesprochen. Allein schon die Art und Weise, wie Putin und seine Gefolgschaft in Russland ihre Sympathien erbauten zeigt deutlich, dass sich in Putin kein unerkannter „lupenreiner Demokrat“ versteckt, sondern ein Mensch, der wirtschaftlich und national denkt. Russlands Gesellschaft, welche Putin auch in Umfragen positiv bewertet, trägt unzählige Vorurteile und Hassgefühle gegenüber Menschen aus anderen Ländern in sich.

All dies, die Fehler, die bewusst begangenen Provokationen und die rein wirtschaftlich, aber nicht im Ansatz bürgernahe Politik, die beide Seiten in den letzten Wochen, Monaten und Jahren umgesetzt hat, sind im jeweils eigenen Lager mehr als vergessen, eher verdrängt. Heute zählt das hier und jetzt, was kümmert mich die Vergangenheit! Solch ein Motto ist naiv, bedenklich und in keinster Weise produktiv. All dies wäre zwar unschön, aber nicht schlimm und folgenreich, wenn es sich nur um eine kleine Gruppe von Medien, Experten, Meinungsmachern, Gruppen und Organisationen handeln würde, die diese oben beschriebene Praxis durchführen. Aktuell sind jedoch fast alle Bereiche in genau solch einer ideologischen Wahrheit gefangen, dass objektive Berichterstattung kaum vorhanden ist.

Eine Gefahr für Pressefreiheit und Frieden

Dies bringt zweierlei Probleme mit sich. Einerseits handelt es sich um eine Manipulation der Massen, welche diesem Sog nur schwerlich entfliehen können. Ist man einmal in der Meinung gefestigt, gibt es kaum etwas, was einen vom Gegenteil überzeugen könnte oder zumindest dazu bringen würde, kritisch über das Berichtete nachzudenken. Die Medien, welche sicherlich in besonderer Art und Weise durch die politische Ebene beeinflusst sind, gewinnen immer größere Macht. Während diese jedoch wächst und gedeiht, bleibt einerseits die demokratische Pressefreiheit auf der Strecke. Andererseits sinkt auch die Chance, die verbreiteten Nachrichten zu überprüfen bzw. sich ein anderes Bild von der Lage zu machen. Dies betrifft vor allem die aktuell hetzerische Berichterstattung des russlandfeindlichen Lagers. Die deutsche Politik kann durch dieses Vorgehen auf europäischer Ebene problemlos eine Kriegspolitik betreiben, die uns Stück für Stück näher an wirklich kriegerische Handlungen führt. Das zweite Problem ist, und das betrifft die pro-russische, wie die pro-europäische Berichterstattung, dass die Kritikpunkte keinen Raum mehr finden. Äußert man in russlandfreundlichen Bereichen Kritik an den innenpolitischen Entwicklungen Russlands, bekommt man meist die ebenfalls negativen Seiten der EU aufgetischt. Richtig, die gibt es, doch muss man dennoch die Kritik an Russland ernst nehmen und eine dritte Position, weder Pro Russland, noch Pro Europa, abwägen. Eine ähnliche Reaktion erhält man im übrigen, wenn man im Umfeld europafreundlicher Menschen die Politik der EU kritisiert, bedenken vorträgt, die darauf hinweisen könnten dass auch die EU eine Mitschuld an der Eskalation trägt. Als Antwort hört man meist, wie undemokratisch doch Russland sei und mit welcher Entschlossenheit Putin auf einen militärischen Konflikt hinarbeitet. Die Kritik, die beide Seiten vortragen ist oftmals richtig, doch basiert sie immer darauf, dass die eigene Seite einen Heiligenschein trägt. Ich persönlich vertraue weder der einen, noch der andere Seite ansatzweise. Zu oft zeigten EU, Deutschland wie auch Russland, dass die Politik in keinster Weise an den Interessen der Bevölkerung interessiert ist, sondern lediglich wirtschaftliche Argumente die Politik beeinflussen.

Als solcher Mensch, der sich nicht von Propaganda des Kalten Kriegs fangen lassen will, bleibt man in diesem System der zwei Wahrheiten zunehmend auf der Strecke. Die Chance, sich neutral und objektiv über die aktuellen Geschehnisse zu informieren ist kaum gegeben. Während man noch sucht und sucht bauen sich die Mauern zwischen den Lagern immer weiter auf, man hört auf Facebook oder sonst wo einen Ken Jebsen über die böse EU lamentieren, stößt auf Medienberichte über die neusten Unmenschlichkeiten Russlands und verliert den Mut und die Hoffnung daran, doch noch etwas wirklich neutrales und objektives zu finden.

Am meisten allerdings leiden ganz andere Menschen darunter. Jene nämlich, die an alledem keine Schuld tragen, auf deren Rücken dieser Konflikt jedoch ausgetragen wird. Es sind die UkrainerInnen, die Tag für Tag in einer Region leben müssen, die immer näher an den Krieg heranrückt. Menschen, die keine Chance auf ein normales Leben haben, weil die große Politik der Welt an den Rohstoffen unter ihnen interessiert ist. Hoffnung auf ein Ende des Ganzen ist nicht in Sicht. Zu sehr sind beide Seiten des Konflikts in ihrer aufgefrischten Kalter-Krieg-Ideologie gefangen. Viel mehr droht uns bei fortschreitender Dauer ein immer größerer und schwererer Konflikt, der viele Menschen betreffen würde. Gewinnen, was in einem Krieg eigentlich niemand der direkt Involvierten kann, würden jedoch all jene, die heute in der Propaganda-Maschine verworren sind und mit der Hetze gegen die jeweils andere Seite große Gewinne einfahren oder politische Macht sichern. Verlieren tun wieder einmal all jene, die keinerlei Interesse an einem solchen Konflikt haben, aber direkt unter den Auswirkungen leiden. So war es immer in Kriegen und so wird es immer sein, denn Krieg bringt niemals Frieden und Gerechtigkeit, sondern ist immer das Mittel derer, die in Ideologien gefangen sind.

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4 Gedanken zu „Ideologische Wahrheiten und ihre Gefahren

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