Ferguson als Spiegelbild us-amerikanischer Realität

Ferguson, die 21 000 Einwohner zählende Kleinstadt im Bundesstaat Missouri ist aktuell ein großes Thema. Die Todesschüsse eines weißen Polizisten auf den afroamerikanischen Michael Brown lassen die Welt auf diesen Ort blicken, welcher nicht nur der Tatort eines schrecklichen Vorfalls ist, sondern ein Spiegelbild der USA zeigt, welches viele Menschen im Land so sicher selbst nicht erwartet hätten. Vor allem nicht die Weißen. In Deutschland hatten wir etwas ähnliches vor drei Jahren, als die rechte Mördertruppe NSU „enttarnt“ wurde und arbeiten noch heute daran. Denn in Ferguson wird sichtbar, was lange viele Afroamerikaner wussten und Tag für Tag erlebten, so aber nie thematisiert wurde: Der Traum der USA, ein Staat zu sein, in dem es eine Gleichheit zwischen Weißen und Afroamerikanern gibt, ist immer ein Traum geblieben. Die Realität sieht ganz anders aus.

Ein Blick in die Statistik macht dies in bedauerlicher Art und Weise deutlich. So waren im Zeitraum von 2004 – 2013 84% der in New York City durchsuchten Menschen, insgesamt über 2,2 Millionen, Afroamerikaner oder Hispanics. Hierbei kam es jedoch in weniger als 10% der Durchsuchungen auch zu einer Festnahme oder Anzeige (taz). „Racial Profiling“ ist in den USA zwar in vielen Bundesstaaten, ebenso in New York, verboten, stellt jedoch, ähnlich wie in Deutschland, noch immer ein weit verbreitetes Problem dar. Ein ähnlich ungleiches Bild zeigt die Statistik der Marihuana-Konsumenten sowie der wegen Marihuana-Konsum festgenommenen Personen, ebenfalls in New York City. Mit 47% (Afroamerikaner und Hispanics) sowie 42% (Weiße) ist die Verteilung unter den Konsumenten zwar relativ gleich, doch sind 86% der wegen dem Konsum festgenommenen Menschen Afroamerikaner oder Hispanics gewesen. Allein diese beiden Statistiken aus New York City, einer Stadt mit liberalem, weltoffenen und fortschrittlichen Selbstbild und Image, machen deutlich, wie weit man selbst hier vom eigentlichen Idealtyp der Gleichberechtigung und Gleichbehandlung entfernt ist. Darüber hinaus gibt es viele Fälle, die dem aktuellen Fall in Ferguson sehr ähnlich sind. Der Tod des jungen Trayvon Martin aus dem Jahr 2012 dürfte vielen noch im Kopfe sein. Auch hier war das Opfer unbewaffnet und Afroamerikaner, der Täter ein Weißer, welcher 2013 freigesprochen wurde. Doch sind dies nicht die einzigen Vorfälle. Die meisten schaffen es nur nicht in die großen europäischen Medien und bleiben für uns unsichtbar. Dennoch gibt es sie, wie beispielsweise ein us-amerikanischen Magazin belegt oder aber aus einer Auswertung der Polizeistatistik hervorgeht.

In anderen Bereichen sieht es für Afroamerikaner oftmals nichts besser aus. So führte beispielsweise ein Gerichtsurteil vor Jahren dazu, dass nun einige Bundesstaaten ihr Wahlrecht relativ autonom, ohne Abstimmung mit der Bundesjustizbehörde, ändern können. Als Folge dessen entschieden manche Bundesstaaten, vor allem im Süden, zusätzliche Hürden einzuführen, welche das Wählen nur bei Vorlage bestimmter Ausweise erlaubt. Diese sind jedoch kostspielig, nicht verpflichtend und in der afroamerikanischen Bevölkerung nicht flächendeckend verbreitet. Das angebliche Ziel, die Bekämpfung von Wahlbetrug, wurde dabei verfehlt und die Maßnahmen wirken rein repressiv (n-tv). Solche Wege werden besonders von konservativen Regierungen beschritten, die scheinbar Sorge vor einer zu großen Wahlbeteiligung der Afroamerikaner sowie anderen nicht-weißen Gruppen haben. Denn, gerade dort lässt sich einmal ein positiver Trend erkennen: Bei der Präsidentschaftswahl 2012 war der größte Anteil der Wähler afroamerikanisch, erst auf Rang zwei kamen die weißen Wähler. Doch ist dies, wie die Zunahme afroamerikanischer Abgeordneter in den USA reine Makulatur, die den Blick auf wirklich elementar wichtige Bereiche versperrt. Noch immer haben Afroamerikaner in den USA im Durchschnitt ein niedrigeres Bildungs– und Einkommenslevel als der Durchschnitt der weißen Bevölkerung. Die besonders Leittragenden sind hierbei die Kinder und Jugendlichen, die in dieser enormen Ungleichheit aufwachsen, die Ablehnung in einer nicht nachfühlbaren Art und Weise erleben müssen und in ihrem Leben nicht nur unter der Benachteiligung aufgrund der Hautfarbe zu leiden haben, sondern zusätzlich die erfolgshemmende Wirkung der Armut schultern müssen. Ein sozialer Aufstieg ist in einer solch prekären Lage nur sehr schwer realisierbar, weshalb sich ohne politisches Zutun die Zustände auch langfristig nicht zähl- und spürbar verbessern werden. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass die Lebenserwartung der afroamerikanischen Bevölkerung niedriger, der Anteil an der Gesamtheit der Wohnungslosen jedoch höher als bei der weißen Bevölkerung ist.

Die sich derzeit in Ferguson entladende Wut und Enttäuschung kommt daher nicht von ungefähr, sondern ist das Resultat dauerhafter, immer wiederkehrender Diskriminierung und Ungleichbehandlung seitens staatlicher Behörden und der Gesellschaft. Bisher blieben diese Gefühle größtenteils unterdrückt und zeigten sich nur im kleinen Rahmen. Selbst dort, wo es zu Todesschüssen kam, blieben die Proteste weites gehend friedlich und ebbten schnell ab. In Ferguson jedoch nicht. Hier rissen Geduldsfäden, liefen Fässer über. Zu groß ist hier die Ungleichheit, zu stark ausgeprägt das rassistische Vorgehen der Polizei. Von 53 Polizisten sind 50 weiß, der Bürgermeister ebenso (Spiegel Online). Der Anteil afroamerikanischer Menschen an der Gesamtbevölkerung liegt hingegen bei 66%. „Racial Profiling“ gehört auch hier zum Alltag, wie ein Blick in die Statistik der Verkehrskontrollen zeigt. So sind 86% der angehaltenen, sowie 91% der anschließend auch durchsuchten Fahrer Afroamerikaner. Besonders brisant und interessant ist hierbei, dass lediglich bei 22% der Afroamerikaner, jedoch bei 34% der Weißen verbotene Gegenstände gefunden wurden. Unter solchen Umständen sammelt sich sehr viel Wut und Verzweiflung an, die nur darauf gewartet hat, sich zu entladen. Die Todesschüsse vom 09. August waren nun der Anlass. Dass diese Proteste im Laufe der Zeit auch in gewalttätige Ausschreitungen ausuferten ist vor allem auch auf das militärische Auftreten einer jahrelang hochgerüsteten Polizei und Nationalgarde, welche teilweise selbst in kleinen Städten Wüstenfahrzeuge besitzen, zurückzuführen. Mit Kampfanzügen bekleidet, in gepanzerten Militärfahrzeugen Patrouille fahrend, bis an die Zähne bewaffnet, gingen diese „Sicherheitskräfte“ oftmals mit unverhältnismäßiger Gewalt und Rohheit vor und trieben die Wut, die Sorgen und die Verzweiflung der Menschen so auf eine immer neue Ebene, die sich in immer neuer Gegengewalt den Weg an die Oberfläche bahnte. Es bleibt zu hoffen, dass die kommenden Tage friedlicher werden und auch der neue Vorfall, bei dem wieder ein junger Afroamerikaner von einem weißen Polizisten erschossen wurde, nicht zu neuer, schlimmerer Gewalt auf beiden Seiten führt. Hierzu würde beitragen, wenn die Ermittlungen schnellst möglich durchgeführt werden, damit jeder Mensch erfährt, wie genau es dazu kam, dass ein junger unbewaffneter Mann durch 6 Schüsse sterben musste. Darauf folgend ist es an der Justiz zumindest auf dem Papier Gerechtigkeit herzustellen.

Doch nicht nur die staatlichen Apparate haben nun Arbeit vor sich. Auch die Gesellschaft der USA wird sich mit diesem Fall noch lange beschäftigen müssen, zumindest sollte sie das. Zu offensichtlich sind nun lang verdrängte Missstände geworden, als dass man einfach zur Tagesordnung übergehen könnte. Die Vorstellung, die Ungleichbehandlung von Menschen verschiedener Hautfarben sei in den USA Vergangenheit, zeigt sich mit voller Härte als eine Fata Morgana. Erkennbar wird, dass man höchstens auf der Stelle tritt, sich im Hinblick auf Bürgerrechte teilweise sogar eher zurück bewegt. Das angesprochene Urteil zur Möglichkeit der Wahlrechtsänderung in den südlichen Bundesstaaten ist ein Zeichen dafür. Die Errungenschaften der Wahl- und Bürgerrechtsbewegung sind gefährdet und die Revolution in den Köpfen der Menschen hat oftmals scheinbar nie begonnen. Zeit wird es dies zu ändern und so darf der Tod von Michael Brown und den vielen anderen Menschen zuvor nicht ohne Folgen bleiben, denn sonst wäre er noch unsinniger und unnötiger als er es ohnehin schon ist. Für die Zukunft schützen kann sich die USA vor solch schrecklichen Vorfällen nur dann, wenn die Gesellschaft ein Menschenbild verfolgt, das den Menschen als Menschen anerkennt und ihn nicht anhand, über das Menschsein hinausgehender, individueller Eigenschaften kategorisiert. Dieses Ziel zu erreichen ist wohl eine der schwersten Aufgaben aller Gesellschaften weltweit und in kaum einem Staat vollkommen realisiert, doch ändert dies nicht daran, das es nun die Aufgabe aller US-Amerikaner ist, besonders für dieses Ziel zu arbeiten. Hierbei sollten sie sich einen zentralen Satz aus der Unabhängigkeitserklärung, der die wichtigsten Werte einer Demokratie, einem Staat, wie die USA es sein will, deutlich macht, ganz besonders vor Augen halten:

„Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, daß alle Menschen gleich erschaffen worden, daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freyheit und das Bestreben nach Glückseligkeit.“ (wikipedia)

In einem Staat und einer Gesellschaft, die diese Wahrheiten anerkennt und lebt, wäre Michael Brown heute noch am Leben und Ferguson ein kleiner ruhiger Vorort von St. Louis. So ist es jeoch im besten Fall der Beginn eines gedanklichen Wandlungsprozesses, der die USA langfristig an die Ziele der Gründerväter heranführen könnte. Im schlechtesten Fall jedoch muss man in wenigen Monaten oder Jahren feststellen, dass Ferguson nur ein Kapitel einer sich immer fortschreibenden Geschichte andauernder Ungleichheit ist. Hoffen wir das Beste.

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2 Gedanken zu „Ferguson als Spiegelbild us-amerikanischer Realität

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